Ode an Claudius Seidl

München, 30. Juli 2026, 10:30 | von Josik

2019 ist in der Edition Tiamat ein Band mit ausgewählten Texten von Claudius Seidl erschienen. Dieser Band trägt den Titel: »Die Kunst und das Nichts«. Und den Untertitel: »Nahezu klassisches Feuilleton«.

2024 ist in der Edition Tiamat ein Band mit weiteren ausgewählten Texten von Claudius Seidl erschienen. Dieser Band trägt den Titel: »Anstiftung zum Bürgerkrieg«. Und den Untertitel: »Überwiegend politisches Feuilleton«.

In beiden Bänden wird der Autor jeweils auf Seite 2 kurz vorgestellt. In dem Band von 2019 wird Claudius Seidls Geburtsjahr genannt. In dem Band von 2024 wird Claudius Seidls Geburtsjahr nicht genannt.

In dem Band von 2019 heißt es, Claudius Seidl »schrieb in den Achtzigern vor allem Filmkritiken für die ›Süddeutsche Zeitung‹, dann auch für die ›Zeit‹ und ›Tempo‹«. In dem Band von 2024 entfallen in der Kurzbiographie die 1980er. »Tempo« wird gar nicht mehr erwähnt, auch die »Zeit« kommt an dieser Stelle nicht mehr vor.

In dem Band von 2019 heißt es über Claudius Seidl weiter: »Leitete in den frühen Neunzigern ein kleines Ressort beim ›Spiegel‹«. Fünf Jahre später sind das Leiten, die Kleinheit und das Ressort allesamt verschwunden; mit etwas Understatement heißt es nun: Claudius Seidl »arbeitete in den frühen Neunzigern beim ›Spiegel‹«.

In dem Band von 2019 heißt es weiter: Claudius Seidl »war in den späten Neunzigern stellvertretender Feuilletonchef der ›Süddeutschen Zeitung‹«. Diese Angabe ist identisch mit der Angabe aus dem Band von 2024: Claudius Seidl »war in den späten Neunzigern stellvertretender Feuilletonchef der ›Süddeutschen Zeitung‹«.

Am Ende der Kurzbiographie von 2024 gibt es im Vergleich zum Ende der Kurzbiographie von 2019 noch ein Update und eine leichte Abweichung. In dem Band von 2019 steht, »[s]eit 2001« leite Claudius Seidl das Feuilleton der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«. In dem Band von 2024 wird auf eine solch präzise Angabe verzichtet und es heißt nurmehr, »lange Zeit« habe Claudius Seidl das Feuilleton der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« geleitet.

Auf der vierten Umschlagseite des Bandes von 2019 stehen drei Blurbs. Der erste Blurb stammt von Maxim Biller, der zweite von Jörg Thadeusz, der dritte von Carolin Emcke. Maxim Biller vergleicht Claudius Seidl mit Walter Benjamin, Jörg Thadeusz vergleicht Claudius Seidl mit James Brown, Carolin Emcke vergleicht Claudius Seidl mit namentlich nicht genannten »wenige[n] Autoren in Deutschland«. Auf der vierten Umschlagseite des Bandes von 2024 steht überhaupt kein Blurb; stattdessen ein Zitat von Claudius Seidl.

Dieses Zitat beginnt so: »Wenn junge Deutsche sich vorstellen, es habe einst ein glückliches Palästina gegeben, in dem irgendwann böse jüdische Kolonisatoren gelandet seien und den Indigenen das Land und alle Rechte geraubt hätten: Dann haben nicht nur die Schüler versagt, sondern auch ihre Lehrer und Eltern, die von der Gründungsgeschichte Israels schon deshalb möglichst wenig wissen wollen, weil sie so deutlich auf die Verbrechensgeschichte der Deutschen verweist.«

Die Funktion dieses Zitats ist es, Claudius Seidls stilistische Signatur herauszuheben: den Seidlschen Doppelpunkt. Es ist dies kein konventioneller Doppelpunkt, sondern eine bewusst eingesetzte Stilbruchinvertierung, in der Claudius Seidls Methode kongenial komprimiert ist. Alle anderen Journalisten würden an der entsprechenden Stelle ein Komma setzen (nur Marlene Streeruwitz würde unsinnigerweise einen Punkt setzen) und den nachfolgenden Satzteil in Kleinschreibung beginnen, Claudius Seidl hingegen setzt statt eines Kommas einen Doppelpunkt: Damit man Atem holen kann, doch nach dem Doppelpunkt geht der nachfolgende Satzteil in Großschreibung weiter, nach dem Atemholen, nachdem man Claudius Seidls Argumenteabwägungen pro und contra gefolgt ist und man, sich in falscher Sicherheit wiegend, schon kurz wähnte, dass er seinen Gegnern doch in mindestens einem Punkt auch Anerkennung zollt, folgt Claudius Seidls unvergleichlich elegantes Carpetbombing im Namen des Humanismus, das argumentative Fallbeil saust hernieder, Claudius Seidls Gegner müssen sich restlos geschlagen geben, sie können einpacken und nachhause gehen.

Es ist beinahe vollkommen egal, welchen der beiden Bände man wo aufschlägt, auf fast jeder Seite findet sich der Seidlsche Doppelpunkt. Hier ein paar willkürlich ausgewählte Beispiele:

»Wenn Politiker einer Partei, die sich christlich nennt, vom christlichen Abendland sprächen, von christlichen Werten, ja von einem christlichen Wahrheitsanspruch, der sich Kompromisse nicht leisten kann: Dann wäre das nicht nur ihr gutes Recht. Es wäre womöglich auch Anlass für« usw. (2019, S. 29).

»Dass eine Gesellschaft, der man das Ressentiment komplett ausgetrieben oder wegtherapiert hätte, eine sterile Gesellschaft wäre: Das ist vielleicht nur eine Ahnung, ein Gefühl – und wenn man dafür nach Argumenten sucht, empfiehlt es sich« usw. (2019, S. 32).

»Dass der Terror, als er dann herrschte im Hochstift Bamberg, nach denselben Gesetzen funktionierte wie später der terreur unter Robespierre und die Herrschaft Stalins in dessen schrecklichsten Jahren; dass also einer den anderen schon deshalb denunzierte, weil er fürchtete, andernfalls von ihm denunziert zu werden; dass, wer seine Unschuld beteuerte und der Folter eine Weile widerstand, nur als besonders perfider Gegner der herrschenden Verhältnisse wahrgenommen wurde: Das ist, einerseits, vielleicht keine Überraschung. Aber andererseits bleibt es erschreckend, wie die Menschen, wenn der Wahnsinn herrscht, sich ihm lieber unterwerfen, als seine Grundlagen anzuzweifeln« (2019, S. 98).

Manchmal, wenn man besonders viel Glück hat, taucht der Seidlsche Doppelpunkt sogar zweimal direkt hintereinander auf:

»Dass Texte ihren Leser nicht kalt lassen, dass sie ihn berühren und erschüttern: Das sind natürlich, einerseits, die Floskeln, die man braucht, wenn einem die Arbeit am analytischen Gedanken zu mühsam oder auch nicht populär genug ist. Dass es aber bei Rainald Goetz einen sinnlichen Überschuss gibt, eine Leidenschaft, eine Energie, welche die Fesseln analytischer Begriffe jederzeit sprengen kann: Das ist eine Erfahrung, die man« usw. (2019, S. 152).

In dem Band von 2024 findet sich der Seidlsche Doppelpunkt insgesamt sogar noch häufiger als in dem Band von 2019:

»Wer einigermaßen verstehen will, was für politisch interessierte Europäer eigentlich unverständlich ist, warum nämlich arme Amerikaner, die in verwahrlosenden Vorstädten von fettem Fastfood leben, die Raten für ihr Haus kaum zahlen können und sich mit opioidhaltigen Schmerzmitteln darüber trösten, trotzdem bereit sind, einen Mann zum Präsidenten zu wählen, der seine Wohnungen mit Gold tapeziert und in dessen Amtszeit die Reichen reicher geworden sind, die Armen aber nicht: Der sollte, für den Anfang jedenfalls, die politischen Kriterien vergessen, auch wenn das schwerfällt bei Donald Trump, der die Demokratie, die Gewaltenteilung und die freie Presse verachtet und bekämpft« (2024, S. 21).

»Dass diese grammatische Geschlechterkonfusion ihre Ursache im allgemeinen Gendern habe; dass also der Versuch, mit Sternchen, Majuskeln oder Doppelpunkten den Wörtern zwei bis drei Geschlechter zuzuweisen, wo es vorher nur eines gab, die allgemeine Verwirrung gestiftet habe: Das ist schon deshalb unwahrscheinlich, weil unter den Verwirrten auch solche Leute sind, die sämtliche Zeitungen, Radiosendungen und Hauptseminare, in denen gegendert wird, konsequent zu ignorieren versuchen« (2024, S. 35).

»Wenn Deutsch eine Sprache ist, die selbst Deutschen so schwerfällt, dass es, von den Radionachrichten bis zu den Erklärtafeln im Museum, meistens noch eine Zweitschrift in sogenannter einfacher Sprache geben muss; wenn man, was ja in jeder Hinsicht dringend nötig ist, auch jene ansprechen will, deren Muttersprache nicht das Deutsche ist: Dann muss es doch darum gehen, dass das öffentliche Sprechen, wenn schon nicht einfacher, dann aber klarer, verständlicher und vor allem anschaulicher werde – ein Ziel, welches das genaue Gegenteil der komplizierten sogenannten Inklusionsregeln ist, jener Schreib- und Sprechgebote, die nicht mal jene, die ihnen folgen wollen, so ganz verstehen können« (2024, S. 36).

»Wer absolut nichts für das Sonneberger Wahlergebnis (und die hohen Umfragewerte) kann: Das sind die Menschen, die die AfD gewählt haben (oder angeben, sie wählen zu wollen)« (2024, S. 96).

»Wer jetzt aber am meisten zu befürchten hat: Das sind die Drehbuchautoren, deren Schwäche, ja Verzweiflung sich schon in ihren Argumenten offenbart« (2024, S. 240).

In sehr seltenen Fällen vergisst Claudius Seidl, den Seidlschen Doppelpunkt zu setzen. Beispielsweise hier:

»Dass er gut zurechtkam mit den Inszenierungen und Insignien der Macht, das offenbarte sich spätestens in ›The Apprentice‹, jener Reality-Serie, in der Trump eine vergrößerte und unterhaltsamere Version seiner selbst spielte« (2024, S. 25).

Ich löse solche Fälle mittlerweile recht pragmatisch. Wenn ich bei der Lektüre eines Textes von Claudius Seidl auf einen Satz stoße, in dem er ausnahmsweise vergessen hat, den Seidlschen Doppelpunkt zu setzen, dann streiche ich diesen Satz durch und schreibe ihn noch mal korrekt daneben:

»Dass er gut zurechtkam mit den Inszenierungen und Insignien der Macht: Das offenbarte sich spätestens in ›The Apprentice‹, jener Reality-Serie, in der Trump eine vergrößerte und unterhaltsamere Version seiner selbst spielte.«

Am Ende des Bandes von 2019 gibt es ein Personenregister. Wie jedem Personenregister, so eignet auch diesem eine gewisse Willkür. Es kann in praxi ohnehin nur die Annäherung an das Ideal eines Personenregisters geben, doch ist es niemals möglich, das Ideal eines Personenregisters zu erreichen. Sich dessen bewusst zu sein, reicht für die Wissenschaftlichkeit eines Personenregisters – darauf hat man sich jedenfalls geeinigt – vollkommen aus.

Hier in diesem Personenregister aus dem Band von 2019 steht z. B. einerseits: »Hitler, Adolf 19, 126f, 215«, andererseits: »Stalin 19«. Hitler wird mit Vornamen angeführt, Stalin ohne Vornamen. Das gehört zu jenen Einzelfallentscheidungen, die man bei der Erstellung eines Personenregisters permanent treffen muss und die man in der Regel auch immer gut begründen kann, falls mal jemand danach fragt. Hitler und Stalin gehören ja auch streng genommen nicht in ein Personenregister, sondern in ein Unpersonenregister, aber man will auch nicht allzu viele Register hintereinander haben. Eigentlich stellt mehr als eines schon eine Überforderung dar, deshalb kommen Hitler und Stalin dann eben doch ins Personenregister.

Auf Seite 83 werden in ein und demselben Satz »Tizian, Raffael, Caravaggio oder Feuerbach« erwähnt. Im Personenregister wird zwar »Caravaggio, Michelangelo Merisi da 221« angeführt, Tizian, Raffael und Feuerbach hingegen werden übergangen. Auch dafür wird es Gründe geben, Caravaggio war einfach der Beste.

Was ebenfalls sehr gut ist: »Althen, Michael 14f« wird im Personenregister angeführt. Zwar wird Michael Althen im Gesamtbuch eigentlich nicht nur auf den Seiten 14 und 15, sondern auch auf Seite 107 noch einmal erwähnt, aber in diesem Fall braucht man nicht auch noch die Seite 107 notwendigerweise ins Personenregister reinzutippen, denn dass Michael Althen nicht nur auf den Seiten 14 und 15, sondern auch auf Seite 107 erwähnt wird, merkt man ja schließlich selber, wenn man das Buch liest.

Problematisch sind fiktive Personen. Gehören fiktive Personen in ein Personenregister? Nun, auch das muss man im Einzelfall entscheiden. Hier im Personenregister taucht beispielsweise »Bond, James 105ff« auf. Was man im Personenregister jedoch vergeblich suchen wird, ist das Lemma »M«, für James Bonds Chefin M, die auf Seite 106 erwähnt wird. Gut, hier müsste man vielleicht tatsächlich noch mal beim Verlag nachfragen, wieso »Bond, James« im Personenregister vorkommt, »M« hingegen nicht. Es fehlen im Personenregister ja aber ohnehin die allermeisten der im Gesamtbuch erwähnten fiktiven Figuren. Wahrscheinlich ist es eine gute Idee, in einem Personenregister fiktive Figuren tendenziell wegzulassen. Aber die ein oder andere fiktive Figur, sofern sie sich von ihrem Bekanntheitsgrad her ungefähr auf einem Level mit James Bond bewegt, kann man natürlich schon reintun (und ohnehin ist M nicht ganz so berühmt wie James Bond).

Im Personenregister werden außerdem angeführt, in alphabetischer Reihenfolge: »Atlantic Monthly 106«, »Frankfurter Allgemeine Zeitung 79, 88, 152«, »Frankfurter Rundschau 119«, »Guardian 220«, »Los Angeles Times 161«, »Merkur 32, 69f, 152«, »Neue Zürcher Zeitung 46«, »New Yorker 34, 118, 220«, »New York Times 220«, »Spiegel 150, 175, 210«, »Süddeutsche Zeitung 13, 150f«, »The Atlantic 100«, »Variety 223«, »Zeit 150f, 216«. Bei jedem anderen Autor wäre es befremdlich, Zeitungen und Zeitschriften als Personen zu bezeichnen und sie ins Personenregister aufzunehmen. Aber für Claudius Seidl sind Zeitungen und Zeitschriften, insbesondere »Atlantic Monthly« und »The Atlantic«, eben gute Freunde. Und gute Freunde sind zweifellos Personen. Nicht ins Personenregister aufgenommen ist etwa die auf Seite 113 erwähnte Tageszeitung »Christian Science Monitor«. Der »Christian Science Monitor« ist kein guter Freund von Claudius Seidl.

Ganz am Ende des Personenregisters ist noch Roberto Bolaños berühmtester Romantitel angeführt: »›2666‹ 118«. In Claudius Seidls Texten werden unzählige Buchtitel erwähnt, aber würdig, ins Personenregister aufgenommen zu werden, sind offensichtlich nur diejenigen Buchtitel, die ausschließlich aus Zahlen bestehen.

In dem Band von 2024 fehlt ein Personenregister. Um diesem fatalen Mangel abzuhelfen, habe ich nun der Einfachheit halber selber eines erstellt. Auch hier waren wieder zahlreiche Einzelfallentscheidungen zu treffen. Auf Seite 55 etwa ist von der »Bildungsstätte Anne Frank« die Rede. Soll man nun »Frank, Anne 55« ins Personenregister aufnehmen? Streng genommen ist ja nicht Anne Frank gemeint, sondern eben die Bildungsstätte. Aber die Bildungsstätte ist nun mal nach Anne Frank benannt, und Anne Frank war eine Person. Also rein damit ins Personenregister.

Auch wenn es sich nicht um ein Namensregister, sondern um ein Personenregister handelt, bietet es sich an, nur jene Personen ins Personenregister aufzunehmen, die namentlich genannt sind. Auf Seite 68 steht: »Bonapartismus«, auf Seite 86 steht: »ein Verschwender von balzacschem Format«, auf Seite 151 steht: »gracekellymäßige Varianten«. Das sind nicht wirklich Grenzfälle, denn Bonaparte, Balzac und Grace Kelly werden eindeutig genannt. Also rein damit ins Personenregister.

Bonaparte aber bitte nicht unter B suchen, sondern unter N, unter N wie »Natürlich«!

Schwieriger wird es auf Seite 147, in einem Text, dessen Erstveröffentlichung im Jahr 2019 stattgefunden hat: »Der Generalsekretär der Vereinten Nationen sagte [bla bla]. Die deutsche Bundeskanzlerin sagt [bla bla]«. Niemand wird bestreiten, dass der Generalsekretär der Vereinten Nationen und die deutsche Bundeskanzlerin Personen sind. Deshalb gehören sie eigentlich ins Personenregister. Nun hat aber auch niemand Lust, nachzuschlagen, wie denn jener UN-Generalsekretär hieß, der damals, 2019, am Ruder war, und wie jene deutsche Bundeskanzlerin hieß, die 2019 am Ruder war. Also doch lieber weglassen.

Richtig blöd sind Markennamen. Auf Seite 230 steht: »ein paar schlichte Bellini-Stühle, ein Pierre-Paulin-Sessel oder die herrlich schwebenden Dieter-Rams-Regale«. Im Prinzip ist dies zwar genauso ein Fall wie die Anne-Frank-Bildungsstätte. Die Stühle sind nach Mario Bellini benannt, der Sessel ist nach Pierre Paulin benannt, die Ramschregale sind nach Dieter Rams benannt. Aber irgendwie sträubt sich das an Claudius Seidls Texten geschulte ästhetische Empfinden dagegen, diese Fälle ebenso zu behandeln wie die Anne-Frank-Bildungsstätte. Also lieber weglassen.

Ähnlich verhält es sich mit dem auf Seite 255 erwähnten »Palais Lobkowitz«.

Die Marke »Alter Fritz« (Seite 13) wird man hoffentlich nicht unter A suchen, sondern unter F.

Ein echter Grenzfall ist Axel Springer. In manchen Texten ist nämlich der Konzern Axel Springer gemeint, in anderen Texten ist aber ganz konkret der Verleger, der Mensch, die Person Axel Springer gemeint. Hier liegt die Lösung auf der Hand. Wenn das Unternehmen gemeint ist: weglassen. Wenn die Person gemeint ist: aufnehmen. Aus genau diesem Grund bleibt übrigens Marco Polo drin. Auf Seite 197 ist von den »Aufzeichnungen Marco Polos« die Rede, also es ist schon der echte Marco Polo gemeint, nicht Marc O’Polo.

Falls noch jemand weitere Fragen zum Personenregister hat, bitte jederzeit gerne.

Im Folgenden also das

Personenregister zu Claudius Seidl: Anstiftung zum Bürgerkrieg, Edition Tiamat: Berlin 2024.

Sollte in diesem Band der »Christian Science Monitor« erwähnt sein, ist er im folgenden Personenregister nicht angeführt.

Abbas, Basel 51
Abendzeitung 37
Abou-Rahme, Ruanne 51
Abu Hamdan, Lawrence 51
Achternbusch, Herbert 65
AD 235
Adorno, Theodor W. 134, 135, 136, 137, 138, 233, 254
Agee, James 242
Aiwanger, Hubert 9, 95
Alaïa, Azzedine 156
Allen, Woody 26
Altmaier, Peter 158
Aly, Götz 186
Amo, Anton Wilhelm 176
Arminius der Cherusker 136
Arnold, Fritz 124
Assad, Baschar al 141
Attia, Kader 51
Avenarius, Ferdinand 233, 234

Baader, Andreas 124
Baerbock, Annalena 14, 19, 20
Bahrani, Ramin 210
Balzac, Honoré de 86, 233, 259
Bär, Dorothee 64
Barrett, Rona 24
Bateman, Justine 240
Batman 25
Baudelaire, Charles 198
Becher, Johannes R. 123
Becker, Ben 109
Beethoven, Ludwig van 86, 87, 249, 250, 251, 252, 254, 255
Belton, Catherine 73
Bendikowski, Tillmann 226
Benjamin, Walter 236
Bennhold, Katrin 70
Biden, Joe 26
Biebricher, Thomas 98
Bild 197, 205, 207
bin Laden, Osama 217
Bismarck, Otto v. 223, 225
Blanchett, Cate 102, 128, 238, 239
Blanquer, Jean-Michel 39
Blome, Nikolaus 179
Bohlen, Dieter 25
Bohrer, Karl Heinz 11, 82, 85, 224
Borchmeyer, Dieter 83
brand eins 142
Brecht, Bertolt 183, 184
Burda, Hubert 202
Burgh, Chris de 196

Campion, Jane 105
Capote, Truman 195
Carter, Jimmy 30
Césaire, Aimé 31, 32, 189
Chapo, El 219
Chirico, Giorgio de 125
Chrupalla, Tino 96, 97
Cicero 194
Clark, Christopher 112, 228
Claussen, Jakob 212
Colomina, Beatriz 231
Costa-Gavras 44
Cruise, Tom 24
Czaja, Sebastian 180

Daumier, Honoré 198
Dieckmann, Friedrich 179
Dietl, Helmut 73, 121, 122, 123, 124, 215
Diller, Barry 101
Dobrindt, Alexander 64, 89
Döpfner, Mathias 16, 17, 19, 202, 203, 204, 205, 206, 207, 208
Driver, Adam 238
Du Bois, W. E. B. 31

Eilat, Galit 55
Elstermeyer, Tanja 79
Elturk, Melanie 150
Enzensberger, Hans Magnus 119
Erdoğan, Recep Tayyip 225
Escobar, Pablo 219
Esken, Saskia 71

Faulkner, William 261
Faust 82
Felbab-Brown, Vanda 218, 219
Ferch, Heino 212
Ferres, Veronica 73
Fichtner, Ullrich 256, 259, 260, 262
Fingscheidt, Nora 105
Finke, Kai 213
Fisser, Christoph 106
Fitzgerald, F. Scott 261
Foucault, Michel 120
Fox, James 168
Frank, Anne 55
Frank, Leonhard 123
Frankenstein, Doktor 259
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 256
Frankfurter Allgemeine Zeitung 179, 206
Frankfurter Rundschau 220
Freud, Sigmund 80
Friedmann, Anneliese 37
Friedrich II. 13, 16, 19, 180, 223
Furtwängler, Maria 202, 212
Furtwängler, Wilhelm 249, 250

Gartenlaube 33
Gauland, Alexander 15
Gautier, Théophile 197
George, Stefan 123
Gere, Richard 162
Gerwarth, Robert 32
Gerwig, Greta 241
Gessen, Masha 73, 248
Geyer, Matthias 259
Giffey, Franziska 180, 182, 183, 184
Glotz, Peter 120
Goebbels, Joseph 249
Goethe, Johann Wolfgang v. 82, 83, 86
Göring-Eckardt, Katrin 158
Gottschalk, Thomas 25
Grafe, Frieda 121
Grillo, Beppe 195
Groebner, Valentin 226
Gruber, Monika 7, 191, 192, 193, 194, 195, 196
Grütters, Monika 173
Günther, Franziska 18

Habermas, Jürgen 119
Hadid, Gigi 155
Handler, Ruth 241
Hanusch, Frederic 90
Harrison, Robert Pogue 129, 130, 131
Haussmann, Georges-Eugène 162
Hawes, James 228
Hayek, Salma 239
Heidegger, Martin 233
Helm, Anne 180
Hidalgo, Anne 161
Hindenburg, Paul 19
Hitler, Adolf 19, 111, 125, 249
Höcke, Björn 97, 133, 135, 136, 137, 138, 139, 186
Hofmann, Nico 212
Hofmannsthal, Hugo v. 111
Ho Chi Minh 185
Hollywood Reporter 238
Holofernes, Judith 109
H.O.M.E. 235
Hussein, Saddam 246

Illies, Florian 111, 112
Ingraham, Laura 146

Jarasch, Bettina 180, 183, 184
Jauch, Günther 17, 19
Jay-Z 151
Johansson, Scarlett 104, 105
Joop, Wolfgang 16
Jüdische Allgemeine 177

Kahane, Leon 54
Kahlfeldt, Petra 183
Kandinskij, Wasilij 125
Kant, Immanuel 251
Karl der Große 135
Käßmann, Margot 247
Kean, Leslie 169
Kelly, Grace 151
Kelly, Natasha A. 80
Kennedy, John F. 24
Kessler, Harry Graf 110, 111
King, Stephen 146
Klee, Paul 125
Kleiner, Towje 121
Kling, Anja 109
Klum, Heidi 73
Kohl, Helmut 85
Konrad, Ulrich 251
Koolhaas, Rem 205, 206
Krah, Maximilian 186
Kraus, Peter 73
Kreisky, Bruno 68
Kubin, Alfred 125
Kubrick, Stanley 250
Kunstwart 233
Kunzelmann, Dieter 121
Kupfer, Alexander 198

Lampedusa, Giuseppe Tomasi di 98
Landauer, Gustav 124
Langhans, Rainer 119
Lanz, Markus 88
Laschet, Armin 64, 67
Laserstein, Lotte 16
Lawrence, Jennifer 102
Lebowitz, Fran 210
Lee, Bruce 103
Lemke, Klaus 120
Lenin 123
Leon, Donna 60
Letterman, David 23, 24
Lindner, Christian 147, 148
Linke, Oskar 167
Literarische Welt 205
Lobo, Sascha 180
Lodes, Birgit 255
Loren, Sophia 154
Ludendorff, Erich v. 19
Luther, Martin 82, 84, 144

Maher, Bill 187
Mahler, Horst 185
Malinowski, Stephan 32
Mann, Thomas 82, 83, 84, 85, 122, 124, 125, 126, 203, 204, 254
Mao Tse-Tung 185
Marc, Franz 125
Martell, Karl 135
Marx, Karl 82, 136
Maschmeyer, Carsten 25
Mayer, Herr [gemeint ist: Lenin] 123
Mbembe, Achille 29, 32, 175
McBride, Will 122
McCoy, Alfred W. 218, 219
McKay, Adam 105
Melville, Jean-Pierre 162
Mendel, Meron 55
Merkel, Angela 75, 147, 148, 149
Merkur 11, 82
Merz, Friedrich 7, 9, 95
Modiano, Patrick 162
Möllers, Christoph 92
Monaco Franze 215
Monk, Thelonious 254
Monroe, Marilyn 195
Moreno, Juan 256, 259, 261
Moshammer, Rudolph 123
Mozart, Wolfgang Amadeus 86
Mühsam, Erich 123, 124, 125
Müller, Michael 184
Murphy, Anne 239

Napoleon Bonaparte 68, 251
Naumann, Friedrich 208
Ndikung, Bonaventure Soh Bejeng 54, 57, 172, 173, 174, 175, 176, 177, 178, 188
Nerval, Gérard de 198
Neubauer, Luisa 91
Neue Zürcher Zeitung 7, 9, 11, 94, 142
New Frame 174
New York Times 22, 70, 71, 73, 100, 101, 166
New Yorker 169, 244, 248
Niggemeier, Stefan 63

Obama, Barack 166, 170, 187
Oberender, Thomas 57
Obermaier, Uschi 122, 125
Onfray, Michel 147

Palma, Brain De [gemeint ist: Brian De Palma] 146
Palz, Norbert 77, 80
Parker, Charlie 253
Pastorius, Jaco 204
Patalas, Enno 44, 121
Pechstein, Claudia 95, 98
Pilcher, Rosamunde 59, 62
Plasberg, Frank 25
Plattner, Hasso 17, 18, 19
Playgirl 23
Podesta, John 166
Politkowskaja, Anna 75
Pollock, Jackson 92
Polo, Marco 197
Polt, Gerhard 196
Poniewozik, James 22, 25
Prince 253
Putin, Wladimir 71, 72, 73, 74, 75, 141, 244, 245, 247, 248

Rabehl, Bernd 185
Rainer, Arnulf 92
Rajamouli, S. S. 44
Ramadan, Kida Khodr 110
Rand, Ayn 65
Raz, Udi 78
Reagan, Ronald 26
Reckwitz, Andreas 8, 9, 234, 235
Reichelt, Julian 205
Reid, Harry 166, 170
Relotius, Claas 256, 257, 258, 259, 260, 261
Reventlow, Franziska zu 125
Richter, Peter 233
Riefenstahl, Leni 25
Rilke, Rainer Maria 123
Ringelnatz, Joachim 123
Rogge, Bernhard 228
Rolland, Romain 251
Rothberg, Michael 30, 31, 32, 34
Rothmann [gemeint ist: Rothberg, Michael] 33
Rubio, Marco 166

S! A! U! 120
Schäfer, Peter 33
Scharf, Jan Martin 212
Schäuble, Wolfgang 74
Scheel, Kurt 11
Schiller, Friedrich 84, 251
Schirrmacher, Frank 114
Schlesinger, Patricia 58, 59, 63
Schlingensief, Christoph 61
Schlögel, Karl 186
Schmidt, Eckhart 120
Schmidt, Eric 207
Schmidt, Harald 73
Schöllgen, Gregor 73, 75
Scholz, Olaf 14, 15, 16, 19, 20, 64
Schreiner, Manja 50
Schröder, Gerhard 70, 71, 72, 73, 74, 75
Schröder, Hiltrud [heute: Schwetje, Hiltrud] 73
Schröder-Kim, So-yeon 70
Schüle, Manja 14
Schulz, Charles M. 255
Schütz, Klaus 185
Schweich, Thomas 220
Scorsese, Martin 105, 210
Seehofer, Horst 140
Selenskij, Wolodymyr 195, 247
Sennett, Mack 242
Sesselmann, Robert 96, 97
Shelley, Mary 259
Siegel, Don 168
Sipher, John 74
Slimane, Hedi 156
Sloterdijk, Peter 119, 120
Söder, Markus 64, 65, 66, 67, 68, 140, 192, 193
Soprano, Tony 25
Sorrentino, Paolo 105
South as a State of Mind 57
Spacek, Sissy 146
Spacey, Kevin 102
Spiegel 15, 16, 116, 205, 252, 256, 257, 259, 260
Spiegel online 179
Springer, Axel 202, 203
Springer, Friede 16, 202, 208, 209
Staël, Germaine de 83
Stauffenberg, Claus Schenk Graf v. 137
Steinaecker, Thomas v. 255
Stelling, Anke 15
Stockinger, Bernd 123
Stone, Oliver 72
Streep, Meryl 100, 102
Stuckrad-Barre, Benjamin v. 204
Süddeutsche Zeitung 16, 55, 173, 231
Süß, Rahel 90, 92
Swinton, Tilda 128
SZ-Magazin 256

Tagesspiegel 16
Tarantino, Quentin 103
taz 35, 256
Thunberg, Greta 89, 144, 145, 146, 147, 148, 149
Thurn und Taxis, Johannes v. 124
Tichys Einblick 191
Toller, Ernst 123, 124
Traven, B. 124
Trump, Donald 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 148, 195, 225, 249, 257
Trump, Fred 23
Trump, Mary 22, 23
Tschechow, Anton 244

Uljanow, Wladimir Iljitsch 123

Van 255
Vogue 155

Wagenknecht, Sahra 140, 247, 248
Wagner, Richard 252
Wales Bonner, Grace 152, 157
Wallpaper 235
Warhol, Andy 23, 92
Washington Post 170
Webb, Amy 238
Wedekind, Frank 123
Wegner, Kai 49, 180, 183, 184
Weinstein, Harvey 101
Welt 7, 95, 205, 208, 256
White, Walter 25
Wieland, Christoph Martin 82
Wilhelm, König von Preußen 225
Winehouse, Amy 253
Wondratschek, Wolf 119
Woolrich, Cornell 162
Wright, Robin 128

Zeit 57, 144, 255
Zeit online 16, 256
Zimmerer, Jürgen 32, 33
Zolghadr, Tirdad 78

»1870/71« 226
»1913« 111
 

Uraufführung der »Elbsinfonie«

Hamburg, 19. Juli 2026, 09:30 | von Dique

Ich war nicht unbedingt weit gereist, von Mailand nach Mantua, aber doch erfolgen derzeit umfangreiche Bauarbeiten entlang der Strecke, und das letzte Stück wird per Schienenersatzverkehr zurückgelegt.

Mantua ist ein Traum in Renaissance. Die Gonzaga regierten die Stadt über mehrere Jahrhunderte nahezu ohne Unterbrechung. Ihr Palazzo Ducale ist in dieser langen Zeit immer weitergewachsen und umfasst heute mit all seinen Erweiterungen und Umbauten wohl rund tausend Räume.

Eine ziemlich grandiose Ausnahme innerhalb dieser Zeitreisenkapsel bildet vielleicht die unglaubliche Sonnabend Collection im Palazzo della Ragione. Hier hängt eine fantastische Auswahl der Stars der Moderne des 20. Jahrhunderts. Neben Rauschenberg, Johns, Gilbert & George, Koons und Warhol natürlich auch eine der wundervollen Wasserturm-Kompositionen von Bernd und Hilla Becher. Für mich immer wieder so ein bisschen der Hammer. Ob in New York, London oder den Untiefen der Mantua-Renaissance, diese wunderbaren Begegnungen mit der stoischen Ruhe der Fotografien der Bechers.

Viel mehr möchte ich hierzu erst mal nicht berichten. Auch wenn eine kleine Ausarbeitung zu Ileana Sonnabend und ihrer Sammlung, über Hilla und Bernd Becher oder über Jeff Koons’ »Wild Boy and Puppy« interessant werden könnte. Schaut euch allein mal den Wild Boy an, der sieht einfach aus wie Pumuckl, vielleicht sogar eine Forschungslücke, zumindest habe ich zu dieser eklatanten Überschneidung bisher nichts finden können.

Dazu aber ein andermal, denn eigentlich will ich was ganz anderes erzählen, und zwar über Musik.

Ich habe vielleicht schon mal erwähnt, dass ich erstaunlich gern in die Oper gehe und auch sonst ziemlich viel Opernmusik höre. Wobei ich nicht so weit gehen würde wie Larry David in seiner Liebe zum Golf:

– You play golf?
– Yeah, and I eat and I breathe. In that order. (S05E07, »The Seder«)

Und damit doch noch einmal kurz zurück nach Mantua. Glaubt entweder mir oder Wikipedia, die Stadt war um 1600 für den Übergang von der Renaissance zum frühen Barock und für die Geburt der Oper so etwas wie the place to be. Sehr viel ausführlicher stellt das der grooooße John Eliot Gardiner dar, der den Gonzaga-Hof als zentralen Schnittpunkt dieser europäischen Konstellation beschreibt. Hier begegneten sich Rubens, Galilei, Tasso und Monteverdi. Kunst, Wissenschaft und Musik schienen gleichzeitig einen großen Schritt nach vorn zu machen, nachzuhören eben in Gardiners herrlichem achtteiligen Podcast »Monteverdi and His Constellation«.

Monteverdis frühe Opern »L’Orfeo« und »L’Arianna« wurden vermutlich im Palazzo Ducale aufgeführt, auch wenn heute niemand mehr genau weiß, in welchem der zahllosen Säle. L’Arianna entstand anlässlich der Hochzeit von Francesco Gonzaga mit Margherita von Savoyen und wurde eigens für dieses Ereignis in Auftrag gegeben.

Überhaupt war das lange Zeit die Normalität. Monteverdi schrieb den Großteil seiner Opern im Auftrag von Fürsten und später in Zusammenarbeit mit Opernunternehmern. Der große Bach, der laut Beethoven eigentlich »Meer« hätte heißen müssen, wie Freudenberg uns allen zur Freude berichtet hat, komponierte den größten Teil seiner Musik im Rahmen seiner Ämter und Aufträge, also für Gottesdienste, höfische Feierlichkeiten oder besondere Anlässe. Beethoven arbeitete bereits wesentlich freier, Schubert noch mehr. Aber auch Beethoven hatte Mäzene, die ihm finanzielle Unabhängigkeit ermöglichten und damit die Entstehung seiner Werke erst möglich machten.

Ich erzähle euch das, während ich tief und bequem in einem Sessel der Hamburger Elbphilharmonie versunken bin.

Ich bin hier zur Uraufführung der »Elbsinfonie«.

Komponiert wurde sie von Prof. Wolf Kerschek im Auftrag der Zertus-Gruppe. Das Unternehmen feiert in diesem Jahr sein 200-jähriges Bestehen und hat aus diesem Anlass eine neue Sinfonie in Auftrag gegeben, die heute Abend in der Elbphilharmonie uraufgeführt wird.

Ich würde nun sehr gern die Firmengeschichte der Zertus aufschreiben, mit all den Details, die jeden von uns brennend interessieren. Aber ich sage nur so viel: Friedrich Theodor Meyer gründete vor zweihundert Jahren in seiner Heimatstadt Tangermünde eine Zuckersiederei. Er kannte die Hamburger Verfahren der Zuckerraffination und ließ Rohzucker aus Hamburg kommen, und yada, yada, yada … heute vereint die Unternehmensgruppe Marken wie Pulmoll, Dextro Energy oder biozentrale unter ihrem Dach.

Prof. Kerschek steht also auf der Bühne und erzählt, wie dieser Auftrag zu ihm kam und wie er zunächst darauf reagierte. Fast beiläufig schlägt er genau die Brücke, die ich gedanklich zuvor bereits nach Mantua geschlagen hatte. Große Kunst entsteht durch große Künstler. Aber oft entsteht sie eben auch, weil jemand den Mut hat oder einfach die Lust, sie zu ermöglichen.

Kerschek sagt das in aller Bescheidenheit. Er stilisiert sich nicht zum neuen Mozart oder Beethoven. Er beschreibt vielmehr die Normalität der Auftragskomposition, die man in this day and age so leicht vergisst.

Ich bin ja selbst ein wenig in der sogenannten Corporate World unterwegs. Als Pen-Pusher und gelegentlicher Corporate Bullshitter erlebt man so einige Weihnachtsfeiern, Jubiläen, President’s Clubs oder Neujahrsempfänge.

Nun sitze ich hier auf der 200-Jahr-Feier der Zertus in der Elbphilharmonie, und, na ja, das hier ist ein anderes Level.

Die Location ist das eine. Dann das mittelständische Unternehmen, das seit 200 Jahren besteht. Die festlich gekleideten Menschen. Und irgendwie sind alle so nett, so sonnig und so erschreckend gutaussehend.

Heute Abend wird aber eben auch noch eine Sinfonie uraufgeführt. Eine Sinfonie, der Elbe gewidmet. Dem Fluss, der Hamburg und Tangermünde verbindet.

Bevor nun bald schon die Uraufführung der Elbsinfonie tatsächlich stattfindet, gibt es noch weitere informative Nuggets, die den Appetit anregen. Acht Trompeten hat Prof. Kerschek in seine Sinfonie gemogelt, und man hört das eine oder andere WTF durchs Publikum raunen.

Bevor es nun gleich losgeht, mit der Musik und der Uraufführung der Sinfonie, werden noch so einige Worte verloren, vom CEO, von Dr. Malte Herwig (a.k.a. Maltus) und von den Bürgermeistern der beiden Elbstädte, die die Elbsinfonie von der Zertus übergeben bekommen. Man kann es ahnen, es gibt endlos Gelegenheiten für pathetischen Unfug, Peinlichkeiten und vollgeschwafelte Längen, aber alle sind ausgelassen, und irgendwie wird es immer unglaublicher, dass es nun gleich wirklich losgeht, und dann nähert sich Trompetenklang aus dem Off, von rechts, dann von links, und wieder zurück.

In den acht Sätzen der Elbsinfonie stecken zweihundert Jahre Geschichte, jetzt nicht vorderhand die Geschichte der Zertus natürlich, sondern deutsche Geschichte entlang der Elbe und darüber hinaus.

Malte Herwig hatte zuvor sehr eindrucksvoll von der Entstehung der Sinfonie und der Zusammenarbeit mit Prof. Kerschek berichtet. Der eine liefert die Musik, der andere den historischen Resonanzraum, Quellen, Geschichten, Figuren und Zusammenhänge, geistiges Futter, Inspiration, Motivation, mentalen Support.

All das geht in der Musik auf, vollkommenste Zufriedenheit, und als der letzte Ton verklungen ist, epiphaniert die Herrlichkeit dieser Idee, eine Elbsinfonie zu schreiben, und es ist ja wirklich interessant, wieso bisher niemand darauf gekommen ist, das Gebäude heißt schließlich Elbphilharmonie.

Das war der Auftrag: Schreiben Sie uns etwas Neues. Und trotzdem fühlt es sich an, als hätte es sie eigentlich schon gegeben, diese Elbsinfonie für die Elbphilharmonie.

Minutenlanger Applaus rollt duch den Saal. Die Elbsinfonie wird sich den Fluss hinauf und hinunter spielen, und darüber hinaus:

»Wälze sie, Busentowelle, wälze sie von Meer zu Meere!«

 

Echo der Frau

München, 3. Juni 2026, 10:15 | von Josik

Erstabdruck in:
Simone de Beauvoir: Die Zeremonie des Abschieds und Gespräche mit Jean-Paul Sartre. August–September 1974. Deutsch von Uli Aumüller und Eva Moldenhauer. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986, S. 171, 177, 179, 183, 184, 185, 188, 189, 190, 195, 197, 202, 203, 206, 212, 225, 228, 230, 232, 233, 235, 237, 238, 240, 242, 243, 248, 249, 253, 254, 256, 257, 258, 259, 264, 265, 272, 273, 276, 277, 278, 282, 284, 285, 290, 291, 293, 294, 295, 300, 301, 302, 303, 304, 305, 306, 307, 308, 310, 311, 312, 319, 320, 322, 324, 325, 326, 327, 328, 334, 335, 336, 337, 338, 340, 341, 342, 343, 345, 346, 347, 354, 355, 357, 358, 361, 362, 363, 366, 367, 370, 374, 389, 394, 395, 396, 402, 408, 409, 410, 411, 413, 423, 429, 445, 460, 483, 485, 486, 487, 488, 490, 491, 505, 506, 511, 542. (tl;dr)

*

Simone de Beauvoir: Wir werden über die literarische und philosophische Seite Ihres Werks sprechen … vielleicht hatten Sie die Mantel-und-Degen-Romane etwas satt … Und Der Engel des Morbiden kam danach?

Jean-Paul Sartre: Der Engel des Morbiden kam danach …

Simone de Beauvoir: Es war also ein Versuch, den Realismus mit einer abenteuerlichen Geschichte in Einklang zu bringen.

Jean-Paul Sartre: Ja, mit einer abenteuerlichen Geschichte … Sogar in Die Wege der Freiheit steckt noch etwas vom Mantel-und-Degen-Roman.

Simone de Beauvoir: Ja. Aber überhaupt nicht in Der Ekel.

Jean-Paul Sartre: Überhaupt nicht in Der Ekel

Simone de Beauvoir: Fühlten Sie sich sehr intelligent, sehr begabt, vorherbestimmt?

Jean-Paul Sartre: Sehr intelligent, ja, natürlich …

Simone de Beauvoir: Man gruppiert Wörter und plötzlich, durch irgendeine Magie, enthüllen diese Wörter die Welt?

Jean-Paul Sartre: Ja, so war es. In der Tat, durch irgendeine Magie …

Simone de Beauvoir: Sie haben einen Gesang der Kontingenz geschrieben.

Jean-Paul Sartre: Ich habe einen Gesang der Kontingenz geschrieben …

Simone de Beauvoir: Sprachen Sie über Proust?

Jean-Paul Sartre: Wir sprachen über Proust … Madame Morel …

Simone de Beauvoir: Jedenfalls nehme ich an, daß diese Dame über Une Défaite Tränen gelacht hat?

Jean-Paul Sartre: O ja! Tränen …

Simone de Beauvoir: Das heißt, im Grunde wollten Sie Der Ekel schreiben?

Jean-Paul Sartre: Im Grunde wollte ich Der Ekel schreiben …

Simone de Beauvoir: Sie hatten also Bedürfnisse.

Jean-Paul Sartre: Ich hatte Bedürfnisse …

Simone de Beauvoir: Das hat Sie bestimmt getroffen …

Jean-Paul Sartre: Ja, das hat mich etwas getroffen …

Simone de Beauvoir: … Manchmal sagen Sie, es habe Sie die Gewalt gelehrt.

Jean-Paul Sartre: Ja, es hat mich die Gewalt gelehrt …

Simone de Beauvoir: … Es war ja während des Krieges …

Jean-Paul Sartre: Ja, es war während des Krieges …

Simone de Beauvoir: Sie sagten, Sie seien Übermenschen. Es machte Ihnen Spaß, das zu sagen.

Jean-Paul Sartre: Ja, das sagten wir manchmal …

Simone de Beauvoir: Das ist, kurz gesagt, ein wenig die Kantsche Idee: du mußt, also kannst du … Du mußt, also kannst du.

Jean-Paul Sartre: Ganz offensichtlich ist es so. Du mußt, also kannst du …

Simone de Beauvoir: Die Vorstellung vom Genie lag also immer in der Zukunft?

Jean-Paul Sartre: Ja, das lag immer in der Zukunft.

Simone de Beauvoir: Sie wußten sehr wohl, daß Ihre Werke von damals … Sie wußten sehr wohl, daß sie nicht sehr gut waren.

Jean-Paul Sartre: Sie waren nicht sehr gut …

Simone de Beauvoir: Und zur Zeit der engagierten Literatur hat genau das aufgehört?

Jean-Paul Sartre: Es hat völlig aufgehört …

Simone de Beauvoir: Spinoza oder Stendhal sein, das hieß jemand sein, der sein Jahrhundert geprägt hatte und den man auch in künftigen Jahrhunderten noch lesen würde. Das dachten Sie mit zwanzig?

Jean-Paul Sartre: Ja, das dachte ich mit zwanzig …

Simone de Beauvoir: … im übrigen haben Sie sehr häufig Gelegenheitswerke geschrieben; und im allgemeinen sind sie Ihnen sehr gut gelungen. Die ganzen Situations

Jean-Paul Sartre: Die ganzen Situations sind Gelegenheitswerke.

Simone de Beauvoir: Also besteht doch eine recht unmittelbare Beziehung zum Publikum.

Jean-Paul Sartre: Es besteht eine Beziehung …

Simone de Beauvoir: Sie waren ganz und gar nicht einer von jenen Schriftstellern, die sich mit seelenruhiger Verachtung für ihre Zeitgenossen in der Zukunft einrichten, wie Stendhal – obwohl Sie ihn sehr schätzen –, der meinte: »In hundert Jahren wird man mich verstehen, was kümmert mich das Heute.«

Jean-Paul Sartre: Überhaupt nicht …

Simone de Beauvoir: Und das ergab Marxismus und Existentialismus.

Jean-Paul Sartre: Das ergab Marxismus und Existentialismus

Simone de Beauvoir: Während Sie die Literatur niemals unter Corydran geschrieben haben.

Jean-Paul Sartre: Niemals … Ich erinnere mich, daß ich nach dem Krieg versucht habe, mit Corydran zu arbeiten. Es ging um eine Romanpassage, wo Mathieu durch die Straßen von Paris spaziert, kurz bevor er nach Hause geht. Es war gräßlich …

Simone de Beauvoir: … es war entsetzlich … Ja, aber Sie schrieben sehr gern Briefe.

Jean-Paul Sartre: Ja, ich tat es sehr gern …

Simone de Beauvoir: War Theorie der Emotionen nicht ein Teil von La Psyché?

Jean-Paul Sartre: Ja, sie war ein Teil davon …

Simone de Beauvoir: Es gab dieses Orchester und außerdem einen Zuaven, oder einen Soldaten, der dachte, er sei schön.

Jean-Paul Sartre: Es gab einen Soldaten, der dachte: ich bin schön …

Simone de Beauvoir: Und dann haben Sie eine große, lange und sehr schöne Studie über Nietzsche geschrieben.

Jean-Paul Sartre: Über Nietzsche, in der Tat …

Simone de Beauvoir: Ging es dabei nicht im wesentlichen um die Beziehung zwischen Moral und Politik? … Also um etwas ganz anderes als das, was Sie um 1948, 1949 schrieben?

Jean-Paul Sartre: Um etwas ganz anderes …

Simone de Beauvoir: Sie haben über den Stalinismus gesprochen.

Jean-Paul Sartre: Ja, ich habe angefangen, über den Stalinismus zu sprechen …

Simone de Beauvoir: Ich denke, daß es Sie auch gefreut hat, als Sie Die Fliegen in Prag sahen.

Jean-Paul Sartre: Ja, es hat mich gefreut … wenn man will, kann man jeden Tag ins Theater gehen, sich in eine Ecke setzen und sehen, wie das Publikum reagiert.

Simone de Beauvoir: Sie haben es nie getan.

Jean-Paul Sartre: Ich habe es nie getan … ich habe in Rom die letzten Szenen von Die Eingeschlossenen geschrieben …

Simone de Beauvoir: … Es war eine sehr schlechte Szene.

Jean-Paul Sartre: Sehr schlecht …

Simone de Beauvoir: Es gab nichts, das Sie fesselte.

Jean-Paul Sartre: Nichts …

Simone de Beauvoir: … Das heißt, Sie haben die moderne Literatur entdeckt.

Jean-Paul Sartre: Ich habe die moderne Literatur entdeckt … Und die NRF repräsentierte wirklich etwas; sie war die Kultur.

Simone de Beauvoir: Die moderne Kultur.

Jean-Paul Sartre: Die moderne Kultur …

Simone de Beauvoir: … weil es im Gegenteil eher heiter ist.

Jean-Paul Sartre: Sehr heiter, ja …

Simone de Beauvoir: Das Lesen war für Sie eine Art und Weise, sich die kulturelle Welt anzueignen, und gleichzeitig machte es Ihnen natürlich Spaß …

Jean-Paul Sartre: Ja, Spaß …

Simone de Beauvoir: Ich weiß, daß Sie nach der Agrégation viele ausländische Bücher gelesen haben. Viele amerikanische Bücher …

Jean-Paul Sartre: Ja, die amerikanische Literatur …

Simone de Beauvoir: Auch die russische.

Jean-Paul Sartre: Die alten russischen Bücher …

Simone de Beauvoir: Aber interessierte Sie nicht auch die Konstruktion?

Jean-Paul Sartre: Ja, die Konstruktion interessierte mich. Es war eine Konstruktion, von der ich oft dachte, sie könnte auch für Romane nützlich sein, die andere Themen behandelten …

Simone de Beauvoir: Seriösere Themen.

Jean-Paul Sartre: Seriösere … Ich kaufte Gesamtausgaben …

Simone de Beauvoir: Sie hatten die Gesamtausgabe von Colette … Vielleicht täusche ich mich, aber mir scheint, daß Ihre Lektüre weniger zweckfrei war, daß Sie weniger Romane lasen.

Jean-Paul Sartre: Weniger Romane …

Simone de Beauvoir: Viel Wirtschaftsgeschichte.

Jean-Paul Sartre: Viel Wirtschaftsgeschichte …

Simone de Beauvoir: Aber das, was Sie neulich das »Wesen» der Literatur nannten, was war das in alldem? Es war noch immer Erzählen.

Jean-Paul Sartre: Gewiß, Erzählen …

Simone de Beauvoir: Trotzdem ist es nicht dasselbe, einen Essay über Giacometti zu schreiben oder Die Wand zu erzählen.

Jean-Paul Sartre: Es ist nicht dasselbe …

Simone de Beauvoir: Sie haben schon vor dem Krieg angefangen, Kritiken zu schreiben, nicht wahr? … Und Sie haben es während des Krieges fortgesetzt …

Jean-Paul Sartre: Während des Krieges habe ich es in einer Marseiller Zeitschrift fortgesetzt … In einem Roman weiß man noch nicht so recht, was man mit den Personen anstellen wird, was sie sagen werden …

Simone de Beauvoir: … Während Sie beim Essay immer von dem geleitet werden, was Sie zu sagen haben.

Jean-Paul Sartre: Was ich zu sagen habe …

Simone de Beauvoir: Trotzdem scheint mir, daß Ihnen bei Ihren politischen Essays die Kunst weniger am Herzen lag.

Jean-Paul Sartre: Vielleicht etwas weniger …

Simone de Beauvoir: Sie sprachen neulich von einem Versuch, den Leser zu verführen.

Jean-Paul Sartre: Ja, genau, ein Versuch der Verführung …

Simone de Beauvoir: In gewisser Weise besteht immer eine Spannung.

Jean-Paul Sartre: Immer …

Simone de Beauvoir: Ich meine, findet man letztlich sowohl in der engagierten wie in der nicht engagierten Literatur dieselben Dinge wieder?

Jean-Paul Sartre: Es ist dasselbe …

Simone de Beauvoir: Manchmal waren Sie sogar – es ist lange her – von der Literatur angewidert; Sie sagten: Literatur ist Scheiße. Was meinten Sie damit genau? Und von Zeit zu Zeit haben Sie mir gesagt, erst kürzlich: eigentlich ist es idiotisch zu arbeiten, um sich auszudrücken. Es klang so, als wollten Sie sagen, man solle einfach irgendwie schreiben. Außerdem sagten Sie manchmal: so hätten Sie den Flaubert geschrieben – was nicht ganz stimmt.

Jean-Paul Sartre: Es stimmt nicht …

Simone de Beauvoir: Sie meinen, eine etwas magische Idee von der Literatur?

Jean-Paul Sartre: Ja, etwas magisch …

Simone de Beauvoir: Ich weiß, daß Sie die Bücher, die mir in den letzten Jahren gefielen, nicht gelesen haben … Es interessierte Sie überhaupt nicht, sie zu lesen.

Jean-Paul Sartre: Nein. Ich weiß nicht warum, aber es hat mich nicht interessiert …

Simone de Beauvoir: Aber auf den Gegenstand in der Bewegung der Erzählung hinzuweisen, das ist gut!

Jean-Paul Sartre: Das ist gut, ja …

Simone de Beauvoir: Als ich in der Rue de la Bûcherie wohnte, habe ich ein Grammophon gekauft.

Jean-Paul Sartre: Ein großes Grammophon …

Simone de Beauvoir: … Die Massins haben ein Buch über Mozart geschrieben, das sehr gut ist.

Jean-Paul Sartre: Ja, sehr gut …

Simone de Beauvoir: Bis wohin gingen Sie? Natürlich bis zum Impressionismus, Cézanne, van Gogh …

Jean-Paul Sartre: Cézanne, van Gogh, ja …

Simone de Beauvoir: Das ist interessant, weil Sie niemals eine literarische Schrift gefunden haben, die Sie anregte, über Musik zu schreiben.

Jean-Paul Sartre: Niemals …

Simone de Beauvoir: … Die Stierkämpfe sind nicht dasselbe wie ein griechischer Tempel oder Malerei. Sie waren eine Art, in das Land einzutauchen, in die Menge des Landes, und das war auch wichtig.

Jean-Paul Sartre: Das war enorm wichtig, der Stierkampf …

Simone de Beauvoir: Das knüpfte ja ein bißchen an Ihre Träume von Abenteuern an.

Jean-Paul Sartre: Ja, es hatte etwas Abenteuerliches.

Simone de Beauvoir: Dabei riskierten wir nichts.

Jean-Paul Sartre: Wir riskierten nichts … Ach, das war damals vage.

Simone de Beauvoir: Sehr vage … Wir spürten nicht viel davon, aber es existierte doch immerhin für uns.

Jean-Paul Sartre: Ja, es existierte …

Simone de Beauvoir: Und ich erinnere mich auch, daß wir in Venedig deutschen Braunhemden begegnet sind …

Jean-Paul Sartre: Ja, ich sehe sie genau vor mir, diese Braunhemden …

Simone de Beauvoir: … In Italien sind wir zweimal gewesen.

Jean-Paul Sartre: Zweimal, ja … Wir sind durch Griechenland gereist … Wir schliefen oft im Freien … auch auf einer Insel, wo wir griechisches Kasperletheater gesehen haben.

Simone de Beauvoir: Ich glaube, Sie meinen auf Syra?

Jean-Paul Sartre: Auf Syra … Wir schliefen gern draußen.

Simone de Beauvoir: Oh, jede zweite Nacht, glaube ich.

Jean-Paul Sartre: Jede zweite Nacht, ja … Zum Beispiel schliefen wir draußen …

Simone de Beauvoir: … Der Jazz hat Ihnen viel bedeutet.

Jean-Paul Sartre: Viel …

Simone de Beauvoir: Und war es nicht auch das erste Mal, daß Sie im Flugzeug flogen?

Jean-Paul Sartre: Doch, es war das erste Mal … Und die Grimmigkeit der Zollbeamten an der amerikanischen Grenze hatte nichts mit der Nachlässigkeit an den meisten europäischen Grenzen gemein.

Simone de Beauvoir: Waren sie grimmig, die Zollbeamten?

Jean-Paul Sartre: Sie waren ziemlich grimmig …

Simone de Beauvoir: Das war also im Prinzip eine Reise, auf der Sie ein Land beim Leben, ein Land in Bewegung sahen.

Jean-Paul Sartre: Im Prinzip …

Simone de Beauvoir: Das muß ja aufregend gewesen sein.

Jean-Paul Sartre: Es war aufregend …

Simone de Beauvoir: Ja, das war ziemlich willkürlich.

Jean-Paul Sartre: Das war willkürlich …

Simone de Beauvoir: Waren Franzosen dabei?

Jean-Paul Sartre: Es waren Franzosen dabei …

Simone de Beauvoir: … Wie lange sind Sie dageblieben? Drei Monate, vier Monate?

Jean-Paul Sartre: Drei oder vier Monate, ja … Ich bin nach dem Ende der eigentlichen Reise mindestens noch eineinhalb Monate geblieben.

Simone de Beauvoir: In New York?

Jean-Paul Sartre: In New York, ja …

Simone de Beauvoir: … André Breton war gegangen.

Jean-Paul Sartre: Er war gegangen, ja …

Simone de Beauvoir: … diese sehr offene, sehr entgegenkommende Haltung eines Merleau-Ponty hatten Sie überhaupt nicht.

Jean-Paul Sartre: Überhaupt nicht …

Simone de Beauvoir: … Sie hatten an der Sorbonne den Ruf, Sie, Nizan, Maheu, eine äußerst verächtliche Haltung gegenüber der Welt insgesamt und gegenüber den Sorbonne-Studenten im besonderen zu haben.

Jean-Paul Sartre: Weil die Sorbonne-Studenten Wesen waren, die nicht ganz und gar Menschen waren.

Simone de Beauvoir: Es ist sehr schlimm anzunehmen, daß manche Menschen nicht ganz und gar Menschen sind. Das widerspricht völlig der Idee der Gleichheit.

Jean-Paul Sartre: Es ist sehr schlimm …

Simone de Beauvoir: … Oder war ein Verhältnis von Gleichheit möglich?

Jean-Paul Sartre: O ja! Ein Verhältnis von Gleichheit war sehr gut möglich …

Simone de Beauvoir: Zuorro spielte Ihnen ja gern Streiche.

Jean-Paul Sartre: Er spielte mir gern Streiche. Er suchte meine Mutter auf …

Simone de Beauvoir: Das heißt, sie hat etwas unterschrieben.

Jean-Paul Sartre: Sie hat etwas unterschrieben … Ich habe also angenommen.

Simone de Beauvoir: Ja, Sie haben das Geld zynisch genommen.

Jean-Paul Sartre: Ich habe das Geld zynisch genommen …

Simone de Beauvoir: Das hatte nichts mit Hierarchien, mit Ehrungen, mit Unterscheidungen zu tun.

Jean-Paul Sartre: Überhaupt nichts …

Simone de Beauvoir: Ja, außerdem hatte Merleau-Ponty promoviert.

Jean-Paul Sartre: Er hatte promoviert …

Simone de Beauvoir: … Aber die Tatsache, mit Männern zusammen zu sein, von ihnen anerkannt zu werden und mit ihnen zu arbeiten, das hat Ihnen gefallen?

Jean-Paul Sartre: Das hat mir gefallen …

Simone de Beauvoir: … In Le Havre waren Sie doch mit Bonnafé befreundet?

Jean-Paul Sartre: Ich war mit Bonnafé befreundet …

Simone de Beauvoir: Sie hatten von vornherein Sympathie für die Schüler.

Jean-Paul Sartre: Von vornherein …

Simone de Beauvoir: Jemanden haben wir noch nicht erwähnt, nämlich Zuorro … immerhin waren Sie ziemlich oft mit ihm zusammen.

Jean-Paul Sartre: Ja, wir waren ziemlich oft zusammen … Maheu … war sehr karrieresüchtig …

Simone de Beauvoir: Er hat Karriere gemacht!

Jean-Paul Sartre: Er hat Karriere gemacht …

Simone de Beauvoir: Haben Sie an dem Tag Jouhandeau getroffen? War er es nicht, der Sie gefragt hat: »Sind Sie in der Hölle gewesen?«

Jean-Paul Sartre: Ja, das war er …

Simone de Beauvoir: Sind Sie Gide begegnet?

Jean-Paul Sartre: Ja, ich bin ihm begegnet …

Simone de Beauvoir: … Sie haben keine Freundschaft angeknüpft?

Jean-Paul Sartre: Keine Freundschaft …

Simone de Beauvoir: Alles in allem, die Tatsache, unter Männern zu sein, mißfiel ihnen nicht?

Jean-Paul Sartre: Das mißfiel mir nicht …

Simone de Beauvoir: Trotz einigen Typen, die Ihnen persönlich mißfielen, nehme ich an.

Jean-Paul Sartre: Ja, persönlich gefielen mir manche nicht besonders …

Simone de Beauvoir: Sie mochten die falschen Fuffziger nicht.

Jean-Paul Sartre: Ich mochte die falschen Fuffziger nicht …

Simone de Beauvoir: Phantasten, das ging noch.

Jean-Paul Sartre: Phantasten störten mich nicht …

Simone de Beauvoir: Können Sie uns etwas über Ihre Beziehung zu Camus sagen? …

Jean-Paul Sartre: … Wir hatten ein komisches Verhältnis …

Simone de Beauvoir: Am Anfang nicht …

Jean-Paul Sartre: Am Anfang nicht …

Simone de Beauvoir: Im übrigen hatte er ein komisches Verhältnis zu Ihnen … Wir hatten Notre-Dame-des Fleurs schon gelesen, und es gefiel uns sehr.

Jean-Paul Sartre: Es gefiel uns sehr …

Simone de Beauvoir: Damals, das war das Kriegsende …

Jean-Paul Sartre: Ich habe Genet gegen Kriegsende kennengelernt.

Simone de Beauvoir: Um 1943?

Jean-Paul Sartre: Um 1943 … Er hat … mir vorgeschlagen, ein Vorwort für ihn zu schreiben.

Simone de Beauvoir: Ach ja! Er hat Sie um ein Vorwort gebeten … Vielleicht war der, der Ihnen am nächsten stand, Giacometti, mit ihm hat es nie Zerwürfnisse gegeben.

Jean-Paul Sartre: Es hat nie Zerwürfnisse gegeben …

Simone de Beauvoir: … Bost. Weil er Caus Partei ergriffen hatte, ist es zum Konflikt gekommen.

Jean-Paul Sartre: Es ist zum Konflikt gekommen …

Simone de Beauvoir: Diese Teamarbeit schien Ihnen Spaß zu machen.

Jean-Paul Sartre: Ja, das machte mir Spaß … Es sind alte Freunde.

Simone de Beauvoir: Es sind alte Freunde … Aber um auf diese Gruppe zurückzukommen, was verbindet Sie mit ihr? Ist es eine lange Geschichte?

Jean-Paul Sartre: Es ist eine lange Geschichte … Seit Pontalis und Pingaud gegangen sind, finde ich, daß die Gruppe ziemlich homogen ist.

Simone de Beauvoir: Ja, sehr homogen … Macht es Ihnen denn Freude, mittwochs wieder bei den Sitzungen von Les Temps Modernes dabei zu sein?

Jean-Paul Sartre: Ja, es macht mir Freude, wieder mit ihnen zusammen zu sein, das ist sehr erfreulich …

Simone de Beauvoir: Anders gesagt, die Gattung »Meister«, den man um Rat fragen kommt, dem man Vertrauliches erzählen kommt, das ödete Sie an?

Jean-Paul Sartre: Das ödete mich an …

Simone de Beauvoir: Warum? … weil Sie das nicht auf gleichen Fuß mit ihnen stellte?

Jean-Paul Sartre: Das stellte mich nicht auf gleichen Fuß mit ihnen …

Simone de Beauvoir: Wenn Frauen Ihnen dagegen Vertrauliches erzählten, das störte Sie nicht?

Jean-Paul Sartre: Das störte mich überhaupt nicht …

Simone de Beauvoir: … wenn Giacometti sehr persönliche Geschichten erzählte … das waren keine Vertraulichkeiten.

Jean-Paul Sartre: Das waren keine Vertraulichkeiten …

Simone de Beauvoir: Aber der Mann im allgemeinen, wenn Sie ihm so begegnen …

Jean-Paul Sartre: Ist der männliche Erwachsene.

Simone de Beauvoir: Und das wollen Sie nicht sein.

Jean-Paul Sartre: Das will ich nicht sein …

Simone de Beauvoir: So schön sind sie nicht.

Jean-Paul Sartre: Nein, sie sind nicht schön, die Männer …

Simone de Beauvoir: Sie eigneten sich die spezifischen Züge der Frauen an …

Jean-Paul Sartre: Ich eignete mir die spezifischen Züge der Frauen an …

Simone de Beauvoir: Haben Sie mit manchen von diesen Frauen Ärger gehabt?

Jean-Paul Sartre: Ärger, ja …

Simone de Beauvoir: Sie haben mit Olga Ärger gehabt.

Jean-Paul Sartre: Mit Olga, ja …

Simone de Beauvoir: Am meisten verärgert habe ich Sie … gesehen … mit M.

Jean-Paul Sartre: Ja, mit M. hatte ich viel Ärger …

Simone de Beauvoir: Im allgemeinen waren die Frauen, die Sie wählten, intelligent …

Jean-Paul Sartre: Ja. Ja, im allgemeinen waren sie intelligent …

Simone de Beauvoir: Und … gut freundschaftliche Beziehungen haben Sie in Ihrem Leben ebenfalls gehabt. Auf jeden Fall mit Madame Morel.

Jean-Paul Sartre: Madame Morel, ja.

Simone de Beauvoir: Es lag bestimmt mit daran, daß sie eine Frau war, die Ihrer Beziehung eine Qualität gab, die Ihre Freundschaft mit Guille nicht hatte.

Jean-Paul Sartre: Bestimmt …

Simone de Beauvoir: … Und dabei waren Sie sehr gesund.

Jean-Paul Sartre: Ja, ich war sehr gesund …

Simone de Beauvoir: … Die Werte Natur, Fruchtbarkeit, all das. Das interessiert Sie sehr wenig.

Jean-Paul Sartre: Sehr wenig … ich habe sehr ausgeprägte Vorlieben …

Simone de Beauvoir: Zum Beispiel?

Jean-Paul Sartre: Würstchen, Zervelatwurst, andere Wurst.

Simone de Beauvoir: Alle Wurstarten.

Jean-Paul Sartre: Alle Wurstarten …

Simone de Beauvoir: … Sie haben auch nicht ungern getrunken.

Jean-Paul Sartre: Ich habe sehr gern getrunken …

Simone de Beauvoir: Man muß dazu sagen, daß Sie nie ein einsamer Trinker gewesen sind.

Jean-Paul Sartre: Nie …

Simone de Beauvoir: Ja, aber manchmal tranken Sie mehr, als ich zulassen wollte … besonders bei den Fiestas oder kurz nach dem Krieg, als es gleichzeitig ein Abreagieren war.

Jean-Paul Sartre: Ja, es war ein Abreagieren …

Simone de Beauvoir: Aber es gab eine Zeit, als Sie an einer großen Arbeit saßen, wo Sie übermäßig viele Aufputschmittel nahmen.

Jean-Paul Sartre: Ich habe sie übermäßig genommen …

Simone de Beauvoir: … oder war so etwas wie eine perverse Lust dabei zu fühlen, wie Sie über Ihre Kräfte hinausgingen? …

Jean-Paul Sartre: Es war etwas von einer perversen Lust dabei …

Simone de Beauvoir: Die Krankheit gab Ihnen also ein Alibi, eine Rechtfertigung.

Jean-Paul Sartre: Ja. Eine Rechtfertigung …

Simone de Beauvoir: … Sie haben viele Aufputschmittel genommen … Was essen Sie denn gern?

Jean-Paul Sartre: … Ich habe sehr gern Wurst gegessen … Bratwurst, Schlackwurst, Schnittwurst …

Simone de Beauvoir: … Der einzige Luxus, den wir uns persönlich geleistet haben …

Jean-Paul Sartre: Waren die Reisen.

Simone de Beauvoir: Waren die Reisen … Es gibt etwas, was Sie nie mit Ihrem Geld gemacht haben, Sie haben nie spekuliert.

Jean-Paul Sartre: Nie. Und man braucht nicht einmal spekulieren zu sagen. Ich habe nie Geld angelegt.

Simone de Beauvoir: Nie … Ein Fabrikarbeiter, der am Fließband arbeitet, fühlt sich nicht frei …

Jean-Paul Sartre: Nein, er fühlt sich nicht frei …

Simone de Beauvoir: Verfall und Apotheose zugleich.

Jean-Paul Sartre: Verfall und Apotheose zugleich …

Simone de Beauvoir: Es ist interessant, daß Sie schon in ganz jungen Jahren überhaupt nicht die Überlegenheit einer Rasse, einer Kultur, einer Zivilisation über eine andere empfanden.

Jean-Paul Sartre: Überhaupt nicht … mein Stiefvater behandelte die Arbeiter wie Minderjährige …

Simone de Beauvoir: Ja, wie Kinder.

Jean-Paul Sartre: Wie Kinder …

Simone de Beauvoir: Aber es gab auch eine ziemlich starke christliche Rechtstendenz an der École Normale. Und der standen Sie sehr feindselig gegenüber.

Jean-Paul Sartre: Ja, sehr feindselig …

Simone de Beauvoir: Sie waren im Prinzip für die größtmögliche Sittenfreiheit … Und Redefreiheit?

Jean-Paul Sartre: Und Redefreiheit.

Simone de Beauvoir: Läßt sich die Gesamtheit Ihrer metaphysischen oder religiösen Überzeugungen, Ihrer Vorstellungen von den Sitten oder von der Moral als eine Art linker Individualismus definieren?

Jean-Paul Sartre: Ganz recht. Es war ein linker Individualismus …

Simone de Beauvoir: Später kam der spanische Bürgerkrieg, der Sie berührt hat.

Jean-Paul Sartre: Der uns berührt hat …

Simone de Beauvoir: Dann kam die Volksfront.

Jean-Paul Sartre: Ja, die Volksfront …

Simone de Beauvoir: … Sie waren überhaupt nicht der Typ, der in seinen Elfenbeinturm eingesperrt ist und für den das alles nicht wichtig ist.

Jean-Paul Sartre: Absolut nicht. Das war enorm wichtig … Ich … habe mit den Lettres françaises … zu tun gehabt …

Simone de Beauvoir: Auch mit Action.

Jean-Paul Sartre: Und mit Action, ja …

Simone de Beauvoir: Ich wüßte gern, … inwieweit Sie etwas skeptisch blieben.

Jean-Paul Sartre: Ich war skeptisch …

Simone de Beauvoir: … Denken Sie, daß Sie viele Fehler gemacht haben? …

Jean-Paul Sartre: Ich habe bestimmt eine Menge Fehler gemacht …

Simone de Beauvoir: In den … Fällen, in denen man in seinem Leben Entscheidungen trifft, … habe ich den Eindruck, daß Sie zufrieden waren … sind Sie mit allen diesen Entscheidungen zufrieden gewesen?

Jean-Paul Sartre: Ich bin mit ihnen zufrieden gewesen.

*

tl;dr: In den Gesprächen mit Simone de Beauvoir antwortet Jean-Paul Sartre auffällig häufig, indem er Wörter oder ganze Formulierungen seiner Interviewerin unmittelbar wiederholt. Obige Montage versammelt ausschließlich solche kurzen Dialogpassagen. Ihre Wiedergabe dient dazu, dieses im gesamten Interview wiederkehrende sprachliche Verfahren – Sartres unmittelbare Wiederaufnahme von de Beauvoirs Formulierungen – im Wortlaut nachweisbar und in der seriellen Häufung als sprachliche Echo-Struktur des Gesprächs wahrnehmbar zu machen. Vgl. u. a. auch hier.
 

Warten auf den lieben Gott

Frankfurt/M., 1. Juni 2026, 10:00 | von Charlemagne

Der Umblätterer liest die ORTSUMGEHUNG.

Erst einmal kehre ich vor dem Heimspiel gegen den Hamburger Sportverein bei Jens Becker in der gleichnamigen Apfelweinhandlung ein, samstäglicher Frühschoppen. Die üblichen Apfelweinbekannten sitzen auf ihren Plätzen, alles wie gehabt. Speaking of – meine Bewunderung für Andreas Maier ist hinlänglich bekannt und, da fiel es mir wieder ein, seine ORTSUMGEHUNG endet nächstes Jahr mit dem Erscheinen des letzten Bands, »Der liebe Gott«.

Vielleicht lag es am Apfelwein, womöglich an meiner Begeisterung für die ORTSUMGEHUNG als literarisches Großprojekt (jaja, Knausgård, schon klar, aber wart ihr mal in der Wetterau?). Ich habe hier beim Umblätterer kurz rumgefragt und jetzt lesen wir ab Juli jeden Monat einen Band der bisher erschienenen zehn Bände und sprechen kurz darüber. Fertig werden wir irgendwann 2027 und dann schauen wir mal, wie es um den lieben Gott steht.
 

Joggen

Berlin, 28. März 2026, 14:30 | von Paco

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»Ich würde viel lieber chill’n und mich allem entzieh’n
Doch das geht nicht, denn ich habe ein’ Termin in West-Berlin (uh)«

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Es war noch früh am Morgen, da passierte ich die Südspitze des Kracauerplatzes. Die dortige Baustelle sollte eigentlich schon Ende Januar fertig sein, aber der Kälteeinbruch hat alles nach hinten verschoben. Gerade an diesem Tag waren nach wochenlanger Pause wieder Bauarbeiter am Werk, und auf dem Baustellenradio lief megalaut »Die da!?!« von den Fantastischen Vier.

Ich hatte »DAS WETTER« unterm Arm, Ausgabe #37, und steuerte auf »Heller Kaffees« in der Sybelstraße zu (normalerweise ab 8:00 geöffnet).

Hinsetzen, blättern, schauen, alles interessant, Seiten 37 bis 43, Gespräch zwischen Rainald Goetz (RG) und Leif Randt (LR).

  • LR: »Ich habe gefühlt noch nie einen gelungenen Verriss über meine Arbeit in einer Zeitung gelesen.« (challenge accepted)
  • RG: »[…] ich finde es wichtig, dass Bücher missverstanden werden.«
  • LR: »Ich bestehe auf kurze Bücher.« 💯
  • LR: »Joggen ist auf jeden Fall etwas, das die Perspektive auf alles erleichtert. […] Die Realität nach dem Sport ist die beste Realität, aber da muss man sich fast vor schützen, vor dieser Euphorie und dem Selbstbewusstsein nach dem Sport, […]«

Zwischendurch Anruf von Gabriel, dies das, und ob ich den Podcast mit Iris Radisch endlich gehört hätte, wie sie da Lukas Rietzschel in Grund und Boden verreißt. Hatte ich nicht und finde generell »Zeit«-Podcasts, nun ja, »Hund oder Katze?«, etwas schwierig.

Dann Nachricht von Josik aus München, der auf der Leopoldstraße folgenden Satz overheard hat:

»Der will bei seinem Junggesellenabschied mit uns Go Kart fahren, das ist doch einfach so langweilig.«

Zurück zum Thema Joggen, sehr gutes Feature von Katharina Teutsch auf Deutschlandfunk Kultur (»Das Leben ist eine Mutter, die Luftballons zerstört«). Darin sagt Helene Hegemann:

»Joggen hat so begonnen Ende der 70er, Anfang der 80er, plötzlich rannten alle wie irre und man dachte: WARUM? Das war so ein Trend, aber, eigentlich glaube ich am ehesten, eine Reaktion auf eine politische Handlungsunfähigkeit, weil das einzige, was du kontrollieren kannst, der einzige Bereich, den du kontrollieren kannst, der übrig bleibt, dein eigener Körper ist.« (18:00 mins. in)

Randt, Hegemann, und nun gehe ich vielleicht auch einfach eine Runde Joggen im Grunewald? Einfach an der Havel entlang Richtung Schwanenwerder?
 

Umblätterer-Lesung gestern Abend, Setlist

Leipzig, 21. März 2026, 08:30 | von Paco

Wie angekündigt gab es gestern im Leipziger Hotel Vienna House Easy vor vollem Haus die Umblätterer-Lesung mit Dique und Josik, hier die Setlist:

Bartolomeo Bimbi, der Birnenmaler
Fritzi-Spritzi, Stritzi, Mitzi
Room 59, der Saal des Gurkenmalers
Mit Lettre im Türkenhof (feat. Baumanski)
Crivellische Gurkenträume in Mailand
Der Preis ist heiß
In der Buchhandlung Schaumburg in Stade
Birgit Vanderbeke: Alberta empfängt einen Liebhaber
In der Buchhandlung Thye in Oldenburg
Eva Illouz: Die neue Liebesordnung
Im Space-Shop am Bremer Flughafen
Colette: Mitsou
Erstaunliches aus dem Leben eines Umblätterers
Russia’s Next Top Dichter (1969)

Die Bücher, in denen diese Geschichten gedruckt wurden:

– André Seelmann: Abenteuer im Kaffeehaus (2017; 2. Auflage 2025)
– Joseph Wälzholz: 100 superste 100-Seiten-Bücher (2023)
– Joseph Wälzholz: ABC – Artikel · Blogposts · Columnen (2025)
– Joseph Wälzholz: Über Karl Kraus (2026)

 

Verlag Ille & Riemer wird 25

Leipzig, 18. März 2026, 18:15 | von Paco

Nach Gründung der GbR im Jahr 2001 erschien im Jahr darauf das erste Buch in diesem Leipziger Verlag, die Neuausgabe eines Trauerspiels von 1758, Joachim Wilhelm von Brawes »Der Freygeist«, herausgegeben von Jörg Riemer und mir.

Jörg ist einer von vier Verlagsgründern, sein Bruder sowie die Gebrüder Ille gehörten auch dazu. Mittlerweile haben sich alle aus dem sogenannten Tagesgeschäft zurückgezogen, Träger der GbR ist Markus R. Wiese.

Meine Erfahrung mit dem Verlag ist nun schon so, dass er der ideale Partner ist für gemeinsame Freizeitprojekte. Und dass eigentlich alles funktioniert, wie es soll. Früher wartete man wohl schon ein paar Wochen, bis ein Titel ausgeliefert wurde, aber diese Zeiten sind vorbei. Mittlerweile kommen die Bücher zappzarapp, und dann hat man sie.

Die beste Geschichte über den Verlag hat aber mit dem Nobelpreis für Peter Handke zu tun.

Nach den Kontroversen um die Preisvergabe veröffentlichte Henrik Petersen, der als externer Experte dem Nobelpreiskomitee für Literatur angehört, im »Spiegel« eine Stellungnahme, in der es hieß:

»Wer mehr darüber erfahren möchte, was Handke tatsächlich über Jugoslawien gesagt hat, dem empfehle ich Lothar Strucks Ausführungen in ›Der mit seinem Jugoslawien‹. Peter Handke im Spannungsfeld zwischen Literatur, Medien und Politik von 2013«.

Der Band ist jedenfalls im Verlag Ille & Riemer erschienen, und ich schickte damals den Link sofort an den Verlag mit dem Tipp, damit die Homepage zuzukleistern. Noch ein Jahr später war nichts in dieser Sache geschehen. Vielleicht nahm ich das Nobelpreiskomitee auch einfach zu ernst.

Irgendwann war es dann doch dort zu lesen, als eine von vielen Stimmen zum Band.

Bei Ille & Riemer erscheinen übrigens auch die »Schriften des Umblätterers«, bisher zwei Bände. Den Anfang machten 2017 die »Abenteuer im Kaffeehaus« von André Seelmann (nom de plume: Dique). Die Lesung, die wir beide im selben Jahr zusammen auf der Buchmesse hielten, war auch sehr gut besucht, und es blieb kein ausliegendes Exemplar unverkauft.

Der Rest war dann auch irgendwann vergriffen, denn am 22. Februar 2023 hielt Rainald Goetz eine Rede am Berliner Wissenschaftskolleg, und unter vielen anderen Dingen beklagte er zunächst, dass Carlos Spoerhases »Linie Fläche Raum« nicht mal mehr antiquarisch zu bekommen sei, und fuhr dann fort: »André Seelmann, Abenteuer im Kaffeehaus, auch nirgends mehr zu kaufen.«

Der Redetext wurde in der »Zeit« und im Suhrkamp-Band »wrong« gedruckt und führte dann auch dazu, dass es nun eine Neuauflage der »Abenteuer im Kaffeehaus« gibt, mit ein paar neuen Texten. Zu den Neuheiten gehört der Text über eine Begegnung mit Christian Kracht in Florenz. Letztes Jahr auf der Buchmesse in Leipzig lasen Dique und Josik u. a. diesen Text, mehr als 90 Zuhörer*innen wurden gezählt (ich weiß nicht, von wem).

Diesen Freitag, 20. März 2026, ab 20:00 Uhr, lesen Dique und Josik wieder abwechselnd aus ihren bei Ille & Riemer erschienenen und samt und sonders von San Andreas gestalteten Bänden: aus »Abenteuer im Kaffeehaus« sowie aus dem zweiten Band unserer Schriftenreihe, »100 superste 100-Seiten-Bücher«, der aus dem Hundertseiterprojekt entstanden ist.

Der Ort der Lesung könnte gelegener nicht sein, sehr mittig, nämlich schräg gegenüber vom Hauptbahnhof im Hotel Vienna House Easy (Goethestraße 11, 04109 Leipzig), Hotellobby im Erdgeschoss. Eintritt frei.

Am Tag darauf, Buchmessesamstag, 21. März 2026, ab 19 Uhr, liest Marc Degens am selben Ort aus seinem bei Ille & Riemer erschienenen Band »Eriwan«.

Der Verlag hat auch einen Stand auf der Buchmesse (Halle 5, Stand G201).

Liebe Illes, liebe Riemers, lieber Markus R. Wiese, danke und alles Gute zum 25. Verlagsjubiläum!
 

Die Gurke des Juan Sánchez Cotán

Palma, 7. März 2026, 21:00 | von Dique

Was mich an den Stillleben von Juan Sánchez Cotán so interessiert? Eigentlich alles. Sánchez Cotán malte angeblich das erste spanische Stillleben und begründete damit die beeindruckende Tradition der Bodegón-Malerei. Ohne kokett sein zu wollen behaupte ich, dass er nicht nur ein Trailblazer der Bodegón-Malerei war, sondern von keinem Bodegón-Maler übertroffen wurde.

Das ist doch schon mal was!?

Aber es kommt noch dicker: Es gibt von Sánchez Cotán nur etwa sieben dieser spektakulären Bodegones. Er hat vermutlich noch einige weitere gemalt, doch nur diese sieben sind heute sicher erhalten. Diese Stillleben wurden alle um 1602/1603 geschaffen, denn danach schloss er sein Atelier und wurde Kartäusermönch. Im Kloster malte er zwar weiter, widmete sich auf seinen Leinwänden aber ausschließlich religiösen Themen.

Er malte also in diesem sehr kleinen Zeitfenster diese herrlichen Bilder, und was er vorher und nachher malte, spielt einfach keine Rolle. Rösselsprung durch die Kunstgeschichte, und mir fällt vielleicht noch Christian Schad ein. Der malte zwischen 1920 und 1930 die eventuell eindrucksvollsten Portraits der Neuen Sachlichkeit. Danach widmete er sich abstrakteren Arbeiten und seinen Schadographien.

Der Vergleich mit Schad passt sogar sehr gut, weil die Stillleben von Sánchez Cotán auch gut und gern in die Neue Sachlichkeit passen würden. Er malte zunächst einfach einen Fenstersims oder besser eine Fensternische mit komplett schwarzem Hintergrund. Und auf dem Sims oder vor dem Hintergrund hängend die stilllebenden Objekte, zumeist Gemüse, Früchte und auch mal ein fleischiges Lebensmittel. Diese Objekte nehmen nachgerade den Fotorealismus vorweg und den Minimalismus gleich mit. Das fiel mir erst neulich beim Besuch der feinen Galerie Le Claire in Hamburg auf. Dort bei den Le Claires werden oder wurden neben den für Le Claire üblicheren Altmeisterzeichnungen auch einige Zeichnungen und Gemälde der Brüder (Zwillinge) Santilari aus Barcelona angeboten. Josep und Pere Santilari malen unter anderem fotorealistische Stillleben. Ein kurzer Blick auf eines der Bilder machte mir sofort klar, wie sehr sie nicht nur von den traditionellen Bodegones, sondern von Sánchez Cotán im Besonderen inspiriert sein müssen.

Ich wollte nun eigentlich alle sieben der erwähnten Stillleben mit euch durchgehen, bleibe aber mal bei den beiden Gemälden, bei denen man sich streitet, welches das erste überhaupt war.

Bodegón de caza, hortalizas y frutas
(Museo del Prado)

Gemälde

Vielleicht war also dies das erste, vielleicht das zweite. Wie alle der sieben Bilder ist es wunderbar. Der Fenstersims und der pechschwarze Hintergrund, aus dem diese großartig gemalten Objekte herausstrahlen, in der Anordnung ein wenig obskur, gemalt wie ein spanisches Barockgedicht. Aus meiner Sicht ist der Raum fast ein bisschen sehr ausgefüllt und nimmt dem Bild die Tiefe, um hier mal auf sehr hohem Niveau zu jammern.

Dagegen ist das andere erste oder zweite Bild mit seinem Minimalismus das wohl allerbeste dieser ganzen besten Gemälde des Sánchez Cotán.

Bodegón con membrillo, repollo, melón y pepino
(San Diego Museum of Art)

Gemälde

Minimalistisch. Alte Sachlichkeit. Fotorealistisch. Man kann dieses Gemälde wie ein Diagramm lesen, wie einen fallenden Aktienkurs. Von der Quitte aus geht’s rasant abwärts Richtung Kohl, mit der Honigmelone verflacht sich der Kurs, aber erholt sich nicht, sinkt weiter runter zur Melonenscheibe und kommt schließlich bei der Gurke zum Stillstand.

Und genau hier, am Tiefpunkt des Diagramms, horche ich auf. Immer wieder und immer wieder schreibe ich von Carlo Crivelli und seinen Gurkenträumen, seiner Obsession für die Gurke, die wiederholt in seinen Gemälden auftritt, ebenso zumeist detailliert ausgeführt. Erst vor kurzem fragte ich noch im Museum nach auch nur einem weiteren Beispiel kunstvoller Vergurkung, und finde hier endlich mal ein solches, wenn auch nur in einem Stillleben und nicht als Bestandteil eines größeren narrativen Entwurfs. Und anders als bei Crivelli blieb es auch die einzige Gurke des Sánchez Cotán, die er gleich auch noch in einem Follow-up-Gemälde unterbrachte, dem »Bodegón con caza, verdura y fruta«.
 

Fritzi-Spritzi, Stritzi, Mitzi

München, 5. Februar 2026, 12:00 | von Josik

Immer wenn San Andreas und ich uns in Leipzig fröhlich im Kaffeehaus Riquet treffen und beide, ohne nachzudenken, ein nordisches Frühstück bestellen, kommen wir schon nach wenigen Minuten auf Karl Kraus zu sprechen. Letztes Mal aber blieb mir der Lachs direkt im Hals stecken. Ich kannte Kraus, ich kannte die »Fackel«, ich kannte die verfeindeten Fraktionen innerhalb der Kraus-Community, ja, die Beschäftigung mit Karl Kraus hat mich sogar zeitweise ernährt.

Damals lebte ich ein paar Jahre lang davon, dass ich jeden Tag allen Leuten erklärte, wie sehr Kraus vor der Drucklegung seiner Texte auf jeden einzelnen Trennungsstrich geachtet hat. Und deshalb, so sagte ich immer, ist es sehr wichtig, dass wir bei einer Neuedition seines Buches »Dritte Walpurgisnacht« das dort von ihm verwendete Wort »Ur-instinkt« ggf. unbedingt schon nach der ersten Silbe umbrechen und nicht etwa erst nach der zweiten Silbe: »Urin-stinkt«.

Einige Zeit vor mir hatte Daniel Kehlmann genau am selben Ort gearbeitet und später, in der »Zeit« Nr. 12/2020, darüber geschrieben: »Alles begann damit, dass ich während meines Germanistikstudiums […] am dreibändigen Karl-Kraus-Wörterbuch der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mitarbeitete […]. Die Wörterbuchredaktion der Akademie war chaotisch, der präsidierende Germanist ein herrschsüchtiger Wirrkopf, und das Lexikon erwies sich schon während seiner Entstehung als unbrauchbar«.

Diese Beschreibung ist ein bisschen ungerecht. Erstens, weil jedwede Art von Wörterbuch letztlich einfach ein Spaßprojekt ist und man da sowieso keine strengen Maßstäbchen anlegen darf. Zweitens, weil der präsidierende Germanist, von dem hier die Rede ist, nämlich Professor Welzig, ein brillanter Philologe war. Freilich kann man Kehlmann als Autor die zitierte Beschreibung auch nicht vorwerfen. Es ist ja klar, dass er für eine Pointe seine besten Freunde verkaufen würde. Das verstehe ich gut, auch ich würde für eine Pointe Kehlmanns beste Freunde verkaufen.

Nun aber, in Leipzig, im Kaffeehaus Riquet, stellte San Andreas mir eine Frage, die geeignet ist, die Kraus-Forschung zu revolutionieren und auf die in der gesamten Weltgeschichte überhaupt noch nie irgendein Mensch vor ihm gekommen war. Er fragte nämlich: »Warum eigentlich nennt Karl Kraus in seinem Weltkriegsdrama ›Die letzten Tage der Menschheit‹ eine Figur ›Fritzi-Spritzi‹, schreibt aber in seinem Gedicht ›Wien‹ plötzlich ›Stritzi, Mitzi‹?« In der Tat taucht in den »Letzten Tagen der Menschheit« im V. Akt, 27. Szene, ganz kurz Fritzi-Spritzi auf, und in der Tat lautet eine der 40 Strophen aus dem Gedicht »Wien«, erschienen 1922, in voller Länge:

Schieber schieben auf dem Striche,
Stritzi, Mitzi, Kipper, Wipper.
Aber jener fürchterliche
Oberleutnant hat den Tripper.

Dieses Gedicht ist das beste Gedicht, das Karl Kraus jemals geschrieben hat, nach einhelliger Meinung von mir sowie aller Leute, die sich meiner Meinung anschließen. Es ist einfach toll, welche Worte Kraus hier für böse oder gedankenlose Menschen gefunden hat. Andere Strophen in diesem Gedicht lauten etwa:

Wie sie wackeln mit den Ärschen,
eingedenk der Lorbeerreiser,
gerne ließen sie beherrschen
wieder sich von einem Kaiser.

Oder:

Seht, wie sie die Luft beglotzen,
eh sie sie den Menschen nehmen.
Und sie können Phrasen kotzen,
diese blutgenährten Schemen.

Oder:

Nein, dem Teufel, ich will wetten,
sind sie als ein Furz entsprungen
oder gar aus Operetten
in das Leben eingedrungen.

Ich weiß nicht, ob man sich über eine Interpretation dieses Gedichts streiten kann, eigentlich kann man sich hier eine Gedichtinterpretation komplett sparen. Man spürt sofort, wie ungeheuer modern Kraus war: »Fritzi-Spritzi«, so könnte schließlich auch heutzutage ein in einer Start-up-Klitsche von zugekoksten Werbetextern ersonnenes hippes Kultgetränk heißen.

Das wiederum kann man von »Stritzi, Mitzi« eigentlich nicht behaupten. Ein kleiner Auszug aus den zahllosen Definitionen von »Stritzi« im »Wörterbuch der Wiener Mundart« (von Maria Hornung und Sigmar Grüner, 2. Auflage 2002) lautet: Strolch, Lausbub, lächerlich wirkende steife Person, Modegeck, Dandy, auch kosend zu kleinem Kind, arbeitsscheuer Zuhälter. Für Nicht-Wiener sind diese Definitionen nicht besonders hilfreich.

Kürzen wir das Ganze einfach ab. Die Antwort auf die Frage, warum Karl Kraus in den »Letzten Tagen der Menschheit« eine Figur »Fritzi-Spritzi« nannte, in seinem Gedicht »Wien« aber »Stritzi, Mitzi« schrieb, liegt auf der Hand: weil es ihm Spaß gemacht hat.
 

Clemens Setz, Paulina Czienskowski, Helga Schubert, »Spiegel«, Nelson Saúte

Berlin, 8. Dezember 2025, 11:44 | von Paco

Letzte Woche wieder einiges gelesen, das mich »zum Nachregen angedenkt« hat (Moritz Hürtgen).

Los ging es mit Clemens Setz, der aus Tagebuchnotizen der Jahre 2000 bis 2010 das »Buch zum Film« kompiliert hat. In der Buchhandlung war ich mit explorativem Buchaufschlag-Griff direkt auf Seite 88 gelandet und las als erstes über den Germanistikprofessor H. und seine Vorlesung zu Büchners »Lenz«, daraufhin sofort zugeklappt und ab zur Kasse.

Im Buchverlauf strich ich dann einige Stellen an, zum Beispiel die Notiz zur »Prinzessin auf der Erbse«, laut Setz »das beste Märchen überhaupt« (S. 50). Ich geh da gern mit, enthält auch meinen Lieblingssatz von Andersen: »og Ærten kom paa Kunstkammeret, hvor den endnu er at see, dersom ingen har taget den« (Wikisource). Ich würde diese wichtige konkrete Erbse auf jeden Fall gern im genannten Museum bestaunen bzw. im Fall des Erbsenraubs gern wissen, wer diesen warum bzw. in wessen Auftrag durchgeführt hat!

Im Anschluss dann den Roman »Dem Mond geht es gut« von Paulina Czienskowski. Besonders gut getroffen fand ich die Schilderung, wie sich ein Kleinkind beim Versteckspielen verhält:

»Sag mal piep! Und du: Piep! Redest du zu leise? Noch mal, los: Piiiep. Das muss er gehört haben. […] Und dann läuft er einfach weiter, vorbei an der Zimmerlinde, am Kratzbaum, hinaus in den Flur, piep.

Papa, willst du rufen, was machst du? Ich bin doch hier!« (S. 103–104)

Im Handyspeicher war auch noch ein November-Interview des Deutschlandfunk Kultur mit Helga Schubert zu ihrem neuen Buch »Luft zum Leben«. Zwischendrin spricht sie sich für eine Poetik der Bewegungsmelder aus und beschreibt das »wunderbare Gefühl, dass etwas plötzlich angeht«. (ab ca. Minute 4:00)

Dann lag hier noch ein alter »Spiegel« rum, Nr. 44 (24.10.2025), wo ich auf S. 78–79 das Interview mit Arthur Mensch las, Mitgründer von Mistral, »die letzte europäische KI-Hoffnung« (Zitat »Spiegel«). Mensch: »wir wollen keine KI-Kolonie werden«.

In derselben Ausgabe auf S. 106–107 das Interview mit Johanna zu ihrem Buch »The Game is On«, kann ich nur empfehlen.

Und dann hatte mir Miguel noch berichtet, dass die Erzählung »Die Beerdigung des Fahrrads« von Nelson Saúte, die ich neulich hier lobhudelnd erwähnte, mittlerweile als Übersetzung in der aktuellen Ausgabe #64 der »metamorphosen« erschienen ist, S. 43–49, gleich besorgt und noch mal in der Übersetzung von Sarita Brandt gelesen, und dann war die Lesewoche erst mal vorbei und nun beginnt eine neue.