Es ist kurz vor drei, reserviertes Ticket abgeholt, schnell noch den Mantel an der Garderobe gelassen und auf nach oben zu meinem Rangplatz und schon geht es los.
Ich habe den Beginn noch sehr präsent, hatte morgens in der Badewanne zur Einstimmung auf die »Walküre« zweimal die ca. halbstündige Einführung von Cornelius Meister, Generalmusikdirektor an der Staatsoper Stuttgart, angesehen und -gehört, und er verglich natürlich die ersten Takte der »Walküre« mit dem eher lieblichen Beginn des »Rheingolds«.
Und noch mal, los geht’s! Ein gewaltiges und nervöses Schwirren, zieht da ein Sturm auf? Spannung auf den ersten Takt, man kann den getriebenen Siegmund praktisch erspüren, wie er auf seiner Flucht, den Häschern wohl entkommen, Hundings Hütte im Wald entdeckt. Mich als ahnungslosen Humblebragger erinnert das Prelude der »Walküre« beinah ein wenig an den doch ebenfalls so stürmischen Beginn der Ouvertüre des »Fliegenden Holländers«, dort ist es eisiger Seewind, hier schwillt und schwirrt es im Wald.
Auf der Homepage der Hamburgischen Staatsoper klebt ein roter Sticker mit dem handgeschriebenen Hinweis »Inszenierung von 2008«, wie auf einem eingeweckten Marmeladenglas. Die Inszenierung ist jedenfalls super minimalistisch, ein von unten beleuchteter Boden mit weißumrahmten Glasquadern dominiert die sonst spärlich bestückte Bühne.
Siegmund trägt eine Art Parka in Feldgrau bis Dunkelgrün. Der dann bald auftauchende Hunding sieht aus wie ein Geldeintreiber aus den 90ern, mit seiner schwarzen Longjacke aus Leder und klumpigen schwarzen Lederhalbschuhen. Wahrscheinlich vorn quadratisch, wie abgehackt, aber das kann ich von hier oben nicht erkennen. Sieglinde dagegen ein Lichtblick, sie trägt ein wunderbarschönes blaues, ebenfalls sehr minimalistisches, gerade geschnittenes Kleid, und Wotan geht ebenfalls sehr gut durch, dunkler Mantel, Aluminiumspeer.
Auf der Bühne stehen vereinzelt auch noch ein paar sehr einfache weiße Möbelstücke, die gleich im Pausengespräch eine Rolle spielen werden. Eigentlich möchte ich in den beiden halbstündigen Unterbrechungen lesen, nämlich weiter in dem herrlichen Buch von Katherine Pangonis: »Twilight Cities: Lost Capitals of the Mediterranean«. Darin fünf Portraits von nicht mehr ganz so bekannten Städten wie Syrakus, Tyros, Karthago usw. Ich kam drauf, weil die Autorin vor längerer Zeit zu Gast bei Tristan Hughes im Podcast »The Ancients« war und sie eine ganze Folge über die Phönizierstadt Tyros gesprochen haben.
Nun sitze ich mit einem Sprudelwasser an einem Vierertisch in der obersten Bar der Staatsoper und will gerade weiterlesen, wie Katherine Pangonis zusammen mit einem Einheimischen über die Ruinen von Tyros schnorchelt, werde aber unterbrochen. Zwei Herren und eine Dame gesellen sich an den Tisch, keine Getränke dabei, dafür eine kleine Platte mit exakt drei Häppchen drauf.
Die drei entpuppen sich als absolute Wagner-Fans und ich werde sofort eingemeindet. Es ist der schnellste Ansprechturbo, den ich je erlebt habe. Ohne Vorstellung, kein »Entschuldigen Sie, aber«. Der Herr neben mir, Peter (deutlich später wird es noch zu einer Art Vorstellung kommen), spricht mich direkt an bzw. redet quasi einfach mit mir weiter, als wären wir in ein Gespräch vertieft gewesen.
Es geht um das Stück, die Inszenierung, um Gefühle, um Wagner selbst. Der erste Aufschlag ist, dass die Musik so unglaublich schön sei, dass sie sogar die Ikea-Möbel zum Tanzen bringe. Und tatsächlich fährt die spärliche Möblierung in der offenen Hütte Hundings ein bisschen herum.
Die Inszenierung gefällt meinem Nachbarn jedoch so richtig nicht, den anderen beiden aber durchaus. Sie alle haben sie bereits mehrfach gesehen. Schnell wird es biografisch, und ich höre mir an, wie man zu Wagner gekommen ist (sehr früh), es wird von allen möglichen Inszenierungen erzählt usw. Dann ist die Pause vorbei und wir springen zum zweiten Aufzug.
Anzumerken wäre noch, dass Brünnhilde im Vergleich zum wunderbaren zweiten Aufzug, in einem eher fürchterlichen »Aufzug« erscheint, sie klemmt in einem fast wie ein Overall aussehenden weißen Zweiteiler und sieht wie eine Bäckerin oder Krankenpflegerin aus. Wobei letzteres vielleicht noch zu ihrer Rolle als Walküre passt, hehe.
Nächste Pause, der Wagner-Fanclub wieder am gleichen Tisch, mein Platz bleibt kurz frei, während ich auf die Terrasse gehe, um frische Luft zu schnappen. Zurück am Tisch, und bevor sich unsere Wege Richtung dritter Aufzug trennen werden, macht Andreas, der andere Wagnerianer, ein Statement: Der dritte Akt der »Walküre« sei das Innigste, Gefühlvollste, das es gibt in der Musik, der Kunst überhaupt.
Auf dem Weg zu meinem Rangplatz fällt mir die Frage von Cornelius Meister ein, warum denn die »Walküre« »Walküre« heiße und nicht »Brünnhilde«? Schließlich heißt doch der dritte Teil des »Rings« »Siegfried« und viele andere von Wagners Nicht-Ring-Opern tragen ebenfalls Namen, »Lohengrin«, »Rienzi«, »Tristan und Isolde«.
Das nur als kurzes Ablenkungsmanöver, bevor ich nun in völliger Spannung, die Worte meiner Tischpartner noch im Ohr, in den dritten Aufzug einsteige. Ich sehe und höre die »Walküre« auch nicht zum ersten Mal, aber manchmal braucht man so eine kurze, klare Ansage, und meine Güte, mit aller Absolutheit, mit der Andreas das gesagt hat, es stimmt, dieser Aufzug zelebriert die Liebe zwischen Tochter und Vater auf unglaubliche Weise!