AAACHTUNG! Ich bin Gustav Seibt und suche Andacht! Und Kuchen! Im Osten! Es geht um den reportageartigen Artikel »Harzreise im Sommer«, der in der S-Zeitung vom 9. Juni veröffentlicht wurde (S. 11). Er ist leider mal wieder nicht im Netz, nur beim Perlentaucher, im DLF-»Fazit«, auf Spreeblick und in der »jungen welt« gibt es Spurenelemente des Textes.
Seibt war in ostdeutschen Kirchen unterwegs, vor allem in »Sachsen-Anstalt« (Oliver Kalkofe) und Brandenburg, und beschreibt nun seine Abenteuer. Es handelt sich um einen langen pingeligen Eintrag ins Gästebuch ostdeutscher Hotels, Kirchen, Museen.
Seibt beschwert sich an mehreren Stellen über den Eintritt, der in vielen Kirchen zu entrichten sei. Er stellt das als ostdeutsches Phänomen dar. In Italien, nur mal als Beispiel, kann man aber auch öfters ordentlich was bezahlen für eine Kirchenbesichtigung, teilweise sogar doppelt, wie Niklas Luhmann mal irgwendwo in einer Fußnote berichtet hat.
Seibts Text ist trotz des vorherrschenden Unmuts auch erkennbar auf lustig geschrieben:
»Sachsen-Anhalt bezeichnet sich auf Schautafeln am Wegrand als ›Land der Frühaufsteher‹, das aber heißt: Kirchen und Museen schließen dort einvernehmlich um 17.00 Uhr, es gilt der Stundenplan des Kollektivs, ausgeschlafen wird nicht, und am Abend herrscht die Ruhe der Toten. Andacht am Feierabend ist nicht vorgesehen.«
Also DDR-Relikte-Bashing, und warum auch nicht. Nur stimmt es nicht mal, was Seibt schreibt. Schon 10 Sekunden beckmesserisches Googeln bringt ans Licht, dass die Dome in Magdeburg, Merseburg, Naumburg und Quedlinburg länger geöffnet haben, außerdem die Hallenser Laurentiuskirche, St. Bonifatius und St. Marien in Bernburg, St. Peter und Paul in Dessau, um nur mal eine Handvoll zu nennen. Die 10 Sekunden Googeln hätten die gesamte Textstelle zunichte gemacht, denn »17 Uhr« klingt einfach untouristischer und muss die Stoßrichtung des Textes stützen.
Okay, die gegoogelten Schließzeiten schießen übers Ziel hinaus, aber man kann schon mal darauf hinweisen, dass es ein wenig unlauter ist, aus einem allgemeinen ein ostdeutsches Phänomen zu machen. Als Abgleich wieder der Blick nach Italien, wo Kirchen oft nur bis 13.00 Uhr geöffnet haben, und das war’s dann für den ganzen Tag. Let’s call it Entchristianisierung, wie Seibt das tut, hehe.
Dann noch zur Kuchenepisode:
»Jeder französische Kleinstadtbäcker würde vor Scham im Boden versinken vor dem, was im Harz als ›selbstgemachter Kuchen‹ angeboten wird: ein labberiger Fertigboden mit Erdbeeren belegt und von einer dicken Gelatineglasur geschmackstötend zugekleistert.«
Über diese Stelle hat sich schon das DLF-»Fazit« mokiert, ich kenne aber mindestens zwei Leute, die Fans dieser Textpassage sind. Alles in allem ist Seibts Unmutstext ein würdiger Kandidat für den besten schlechten Text des Jahres, so wie weiland Christine Dössels Lawinky-Porträt.
Übrigens scheint Seibt doch ab und zu auch ein Freund ostdeutscher Landpartien zu sein, mir fällt da spontan sein Artikel vom letzten Jahr ein (SZ, 6. 9. 2007), der zwischen Wittenberg und Weimar die »Toskana« Deutschlands ausmachte. Da war er entschieden besser gelaunt im Mitteldeutschen unterwegs, schrieb aber auch nicht über Kirchen und ihre Öffnungszeiten.
Habe gestern in Arnstadt ein Stück Apfelkuchen gegessen. Ui. Der war lecker.
Heute in Dornheim eine spontane fünfminütige Führung durch die Traukirche von Jay S. Bach bekommen. Außerhalb der Öffnungszeit.
die liegen beide in thueringen, vielleicht lag es daran LOL
ich war jetzt auch in Quedlinburg und Umgebung, kenne den artikel von Seibt nicht, muß aber sagen, daß ich unterschiedliche öffnungszeiten kennengelrnt habe, mal waren die kirchen offen bis 17 uhr, mal ganz geschlossen. das Wiener Cafe in Wernigerode war spitze, aber ein großteil der DDR-bürger nervt. „Früher war es doch schön, wir hatten alles!“
jetzt wo mit unserem und EU-Geld die wunderbaren KATHOLISCHEN kirchen (von den Protestanten okupiert und von den Reformierten zertrümmert – Halberstadt und Jerichow -) wiederhergestellt, die Fachwerkhäuser wunderbar renoviert, auch von Westdeutschen Partnerstädten, riskieren sie die lippe, daß es früher so schlecht nicht war. und warum die Montagsdemonstrationen gerade in diesen wunderbaren gebieten? vergeßlich ist der mensch…ich weiß nicht, ob Goethe was dazu gesagt hat, jenny
p.s. bin aus der Kirche ausgetreten, weil ich die Kunst liebe!